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"Tatort"-Kritik: Ein Abschied mit Hokuspokus

In Berlin ist man eben tolerant: Kommissar Felix Stark darf in seinem letzten "Tatort"-Fall an Übersinnliches glauben. Doch eine junge Norwegerin stiehlt ihm zum Abschied die Show.

Von Sarah Stendel

Ach, wie schön wäre es gewesen, wenn Boris Aljinovic den Berliner "Tatort" mit einem Ausrufezeichen hätte verlassen dürfen. Schon sein Kollege Dominic Raacke hat sich in der vergangenen Folge sang- und klanglos verabschiedet. Doch in der "Vielleicht" betitelten Folge steht eine junge Skandinavierin im Mittelpunkt - und nicht Aljinovics Kommissar Felix Stark.

Die norwegische Studentin Trude Bruun Thorvaldsen schreckt jede Nacht aus einem Albtraum hoch: Ihre Freundin Lisa wird darin von einem rothaarigen Mann in Handwerkerkleidung ermordert. Weil Trude seit ihrer Kindheit Vorahnungen quälen, gibt sie ihren Traum bei Kommissar Stark zu Protokoll. Wenig später ist Lisa tot - genau wie Trude es vorhergesagt hat. Stark glaubt ihr und beginnt, Trude und ihre Fähigkeiten in seine Ermittlungen einzubeziehen. Diese träumt mittlerweile einen neuen Traum: Zwei Menschen werden in einer Pizzeria am Tisch erschossen. Und plötzlich kommt auch Kommissar Stark in Trudes Visionen vor...

Vorhersehbarer Plot

Dass der Film nicht unglaubwürdig wirkt, ist vor allem der norwegischen Schauspielerin Lise Risom Olsen zu verdanken, die Trude eindringlich und interessant spielt. Weil der Zuschauer den Täter schon kennt, hängt die Spannung von ihren Visionen und der Suche nach ihm ab. Leider wird man dabei selbst unfreiwillig zum Hellseher: Während Stark sich wundert, warum Trude ihm von ihrem neuesten Traum nichts erzählen möchte, ist dem Zuschauer beispielsweise längst klar, dass Trude ihn als nächstes Opfer gesehen haben muss. Ein vorhersehbarer Plot in einer Story um Vorhersagen - vielleicht haben sich die Autoren hier einen Scherz auf der Meta-Ebene erlaubt?

Auch bei den Dialogen gibt es einige Merkwürdigkeiten. "Sie kommen des Mordes wegen", muss eine junge Psychologie-Studentin grammatikalisch einwandfrei aufsagen. Und Stark erklärt pathetisch: "Noch vor der Dunkelheit werde ich meinen Dienst quittieren." Typische Gespräche in Kreuzberg hören sich einfach anders an.

Unfreiwillig komische Momente

Ein bisschen scheint der "Tatort" auch zeigen zu wollen, wie mühsam und langweilig die eigentliche Polizeiarbeit ist. Stundenlang werden Videobänder gesichtet, ein Kollege durchforstet Melderegister von verdächtigen Handwerker-Kunden - er wird Monate dafür brauchen. "Der Spruch mit der Nadel und dem Heuhaufen stimmt", kommentiert Stark. Bei einem Bier versucht er gemeinsam mit dem Polizeipsychologen vergeblich, auf die zündende Idee zu kommen. "Kann man mal ein Praktikum bei euch machen?", fragt die Mitbewohnerin von Trude. Kann man nicht, wäre aber auch extrem trocken. Wie praktisch wäre es da, immer jemanden wie Trude an seiner Seite zu haben, deren Träume jede Nacht neue Hinweise liefern.

Die Sehnsucht nach einer schnellen, einfachen Lösung erklärt vielleicht auch, warum sich die Berliner Polizei so unkritisch auf den Hokuspokus von Trude einlässt. Oder liegt es an der ARD-Themenwoche "Toleranz", in die der Krimi eingebettet ist? Wobei es dann doch etwas arg wird: Mag ja sein, dass man in Berlin offener ist als anderswo - aber dass eine Zeugin, die im Voraus Mord und Mörder benennt, nicht genauer auf eigene Verbindungen zum Fall untersucht wird, ist kaum vorstellbar.

Das Ende bleibt offen

Am Ende sitzen Stark und sein Team beim zweiten vorhergesagten Mord genau am Nebentisch. Und während der Zuschauer noch denkt "Mann, sind die auffällig", sagt Stark: "Wir verhalten uns ganz unaufffällig." Ebenfalls unfreiwillig komisch: "Das ist ja unglaublich", staunt einer der Assistenten. Dabei saßen die Polizisten bis dahin einfach nur an einem Tisch in der Pizzeria, die ihnen Trude beschrieben hat. Unglaublich.

Schön ist allerdings, dass das Ende offen bleibt. Es wird weder versucht, eine abstruse Erklärung für Trudes Fähigkeiten aus dem Hut zu zaubern, noch erfährt man etwas über das Schicksal von Kommissar Stark. "Wird er überleben?" - "Vielleicht", heißt es zum Schluss. Die Nachfolger für den Berliner "Tatort"-Kommissar stehen allerdings schon in den Startlöchern: Meret Becker und Mark Waschke, übernehmen Sie!