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"Tatort"-Kritik Ritters glanzloser Abgang


29 Folgen lang ermittelten sie in Berlin. Nun gingen die Kommissare Ritter und Stark zum letzten Mal gemeinsam auf Sendung. Leider verabschiedeten sich die beiden mit einem selten uninspirierten Fall.
Von Carsten Heidböhmer

Welch ein würdeloser Abschied: Nach 15 Jahren als "Tatort"-Ermittler, 13 davon an der Seite seines Partners Felix Stark (Boris Aljinovic), verlässt Kommissar Till Ritter (Dominic Raacke) die Krimireihe. Dass Ritter so sang- und klanglos geht, dafür kann man den zuständigen Sender RBB nicht verantwortlich machen. Denn eigentlich sollte es noch eine weitere gemeinsame Folge geben - doch Schauspieler Raacke hatte keine Lust auf eine Abschiedsnummer. So wurde "Großer schwarzer Vogel" Ritters letzter Fall. Dass der aber so unglaublich lieblos geriet - das kann man dem RBB durchaus vorwerfen. Drehbuch, Schnitt, Kamera, Inszenierung, alles geriet zu statisch, uninspiriert, ohne jeden Drive.

Das Hauptproblem: Wo Stimmung intendiert ist, tritt Leerlauf ein. Wo Spannung entstehen soll, wirkt die Geschichte einfach nur verworren. Anstatt zu agieren, werfen sich die Protagonisten bedeutungsschwere Blicke zu, meist stehen sie einfach nur unmotiviert in der Szenerie rum. Regisseur Alexander Dierbach steigt zu früh in die Szenen ein und geht zu spät raus, dadurch nimmt der Film zu keiner Zeit Fahrt auf. Die Kamera hält oftmals nur drauf. Ständig ist irgendwas im Bild, was da gar nicht hingehört. Man sieht Mülltonnen, wenn eigentlich das Haus gemeint ist. Den Abhang, wenn das davor parkende Auto zu sehen sein sollte.

Am schlimmsten ist aber das Drehbuch. Das zeigt schon die Genese. Es stammt von Jochen Greve nach einer Idee von Titus Selge und wurde noch einmal von Britta Stöckle bearbeitet. Und das kommt dabei raus, wenn zuviele Personen an einer - im Originalzustand vielleicht guten - Idee herumpfuschen: Menschen, die sich rätselhafte Blicke zuwerfen, den Zuschauer dabei aber im Unklaren lassen, was sie gerade bewegt. Unmotivierte Verfolgungsjagden - ohnehin eine "Tatort"-Unart -, bei denen die Regel gilt: Ein Verdächtiger muss mindestens einmal pro Folge Reißaus nehmen, egal ob das gerade sinnvoll ist oder nicht. Und als Hauptfigur ein Radiomoderator, der nicht in der Lage ist, mit anderen Menschen zu kommunizieren.

Der Zuschauer soll miträtseln

Um die Geschichte spannend zu machen, haben die Autoren einen Trick angewendet: Sie lassen einfach die Vorgeschichte weg. Die soll sich der Zuschauer selbst zusammenreimen und miträtseln, was sich zuvor ereignet hat. Wenn man das gut macht, kann das durchaus funktionieren. In dem Fall scheitert es krachend. Wohl auch, weil die Geschichte linear erzählt, ziemlich fad ist: Der bekannte Berliner Radiomoderator Nico Lohmann (Florian Panzner), eine Art Domian für die Hauptstadt, war früher Leistungsschwimmer. Doch dann wurde er depressiv und versuchte sich mit dem Auto umzubringen. Doch er überlebte und riss stattdessen eine Frau und ein Kind in den Tod. Der Ehemann Ulrich Kastner (Peter Schneider) hat seitdem einen Hass auf Lohmann.

Dann gibt es noch den Bauarbeiter Heiner Piwek (Andreas Guenther), der dem Moderator ans Leder will. Und dann ist da noch seine Exfreundin Henriette (Julia Koschitz), von der sich Lohmann vor viereinhalb Jahren trennte, nachdem er sie zur Abtreibung drängte. Jetzt wird er aber doch noch Vater: seine Freundin Anne Kröber (Klara Manzel) erwartet ein Kind. Und das ist der Auslöser der Mordfalls, der eigentlich gar keiner ist.

Um ihren Ex unter Druck zu setzen, zündet Henriette eine harmlose Bombe im Treppenhaus von Lohmanns Wohnung. Dabei erschreckt sich ein spielender Junge so sehr, dass er fällt und an den Folgen des Sturzes stirbt. Zwischendurch pöbelt der Bauarbeiter Piwek ein bisschen und der verwitwete Kastner dreht durch. Ansonsten wird aber vor allem: viel geschwiegen.

Jetzt muss es Felix Stark richten

Auch wenn die Fälle des Duos Ritter und Stark sicher nicht zu den aufregendsten und innovativsten der "Tatort"-Reihe zählten, so lieferten sie doch zumeist solide Krimi-Spannung ab. Ritters letzter Fall zählt zu den schwächsten überhaupt, einen solchen Ausstand hat er nicht verdient. Dabei wirft gerade diese Folge noch einmal ein neues Licht auf den Macho-Ermittler: Denn auch Ritter ruft eines Abends bei der Sendung an - und verrät dem Moderator, dass er unter Schlaflosigkeit leidet. Sein Kollege Stark entdeckt dies beim Anhören alter Sendungen.

Leider wird das jedoch nicht weiter thematisiert und ist auch kein Grund für das Ausscheiden des Kommissars. Der "Tatort" endet einfach, und wir wissen: Ritter wird nie wiederkehren. Es gibt noch eine Folge, in der sein Kollege Stark alleine auf Sendung geht. Es wird nun an ihm liegen, die Ehre des Berlin-"Tatorts" zu retten und einen vernünftigen Abgang hinzulegen. Verdient hätten es alle beide.


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