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TV-Kritik zum "Tatort": Viele Worte um einen Toten

Enttäuschte Gefühle, Existenzsorgen und verbotene Bankengeschäfte: Die Berliner "Tatort"-Folge "Alles hat seinen Preis" setzte auf ausgiebige Verhörszenen, leider auf Kosten von Tempo und Spannung.

Von Katrin Schmermund

Die Tochter braucht dringend Geld für die eigene Tauchschule in Australien, die Sekretärin ist gefrustet über ihre langjährige Aufopferung im Job und die Bankberaterin fürchtet die Aufdeckung ihrer rechtswidrigen Bankgeschäfte: Ein Motiv für den Mord an Taxiunternehmer Herbert Klemke haben so einige und alle gehören sie zum direkten Umfeld des Toten.

Ein Fall, ein Toter, viele Anhörungen: Nachdem sich die Ereignisse im Wiener "Tatort" in der vergangenen Woche überschlugen, setzt der Berliner "Tatort" mit "Alles hat seinen Preis" auf Krimi-Standard. Die Stimmung ist durch die Sticheleien des Berliner Duos Till Ritter (Dominic Raacke) und Felix Stark (Boris Aljinovic) gewohnt locker. In ihren Ermittlungen sind sie hartnäckig, vor allem Kommissar Stark geht wie immer analytisch vor. Und doch überrascht er: Er, der sonst so regelkonform ist, schlägt in diesem "Tatort" auch mal das After-Work-Bierchen vor und sitzt morgens verkatert im Dienstwagen.

Ritter und Stark finden den toten Klemke erschlagen in seinem Büro. Nachdem ein forscher türkischer Taxifahrer aus dem Kreis der Tatverdächtigen ausscheidet, kommt zunächst Klemkes Tochter, Dagmar (Nicolette Krebitz), ins Kreuzverhör. Regisseur Florian Kern gelingt es mit ihren Aussagen wie: "Da war ich in der Badewanne. Habe meine Tauchschule vermisst" als Antwort auf die Frage nach ihrem Alibi für einen Zeitraum von mehreren Stunden lange offenzuhalten, ob sie die ehrgeizige Unternehmerin ist, oder ihren Vater vielleicht doch auf dem Gewissen hat. Dagmar zeigt sich nach außen kalt, reagiert gleichgültig auf die Existenzsorgen ihrer Bekannten Ziska Zuckowski (Alwara Höfels) und auf die Zukunft von der jahrelangen Sekretärin seines Vaters, Edith Welziehn (Renate Krößner). Nicolette Krebitz spielt Tochter Dagmar sehr ruhig und abwesend. Das macht die Ermittlungen teilweise langatmig.

Bankberaterin wird zur Wohltäterin

Die Figur Christa Meinecke (Tatjana Blacher), Bankberaterin von Taxiunternehmer Klemke, wird von den Kommissaren natürlich vor der klassischen Glasfenster-Front im x-ten Stock des Bankunternehmens befragt. Erscheint sie anfangs noch als vermeintlich eigennützige Geschäftsfrau, entpuppt sie sich als Wohltäterin, die den Geschwistern Ziska und Pit Zuckowski (Christian Blümel) für ihren Lebensmittelladen verbotenerweise Geld von Klemkes Konto geliehen hat. Der reservierte und ernste Charakter Meineckes ist gut gespielt und durch ihren Besuch bei Ziska wird nicht sofort klar, was die beiden verheimlichen. Die Nachrichtenmeldungen über die Finanzkrise, die bei jeder Fahrt im Autoradio von Kommissar Till Ritter laufen, sollen wohl die Relevanz des Themas hervorheben, wirken aber erzwungen. Spannung kommt in diesem "Tatort" erst wirklich auf, als Pit Dagmar in ihrem stockfinsteren Wohnzimmer auflauert. Die Kamera folgt seinem Blick, bleibt auf Dagmar stehen. "Ich weiß, wenn Leute Angst haben. Ich sehe sowas", raunt er ihr mit gefletschten Zähnen zu, als Ziska dazu kommt. Durch seine raue, undurchschaubare Art macht auch er sich des Mordes verdächtig.

Klischeehaftes Ende folgt emotionalem Geständnis

Zehn Minuten vor Schluss ist schließlich klar: Sekretärin Welziehn hat Klemke auf dem Gewissen. Sie ist nicht nur die verwirrte hinterbliebene Sekretärin des Taxiunternehmers, sondern vor allem seine verbitterte Geliebte. Dass sich Klemke letztlich für die Unterstützung seiner Tochter und gegen sie entschieden hatte, hielt sie nicht aus. Edith Welziehn überrascht Dagmar, die auf ihrem Schreibtisch eingeschlafen ist. "Bitte, ich muss mit dir reden", flüstert sie mit fast gespenstig besänftigender Stimme und wirrem Blick. Dramatische Musik und das Bild der heraneilenden Kommissare erhöhen die Spannung. Doch dann ist es auch schon wieder vorbei mit der Spannung, als Welziehn Klemkes Tochter mit viel zu vielen Worten ihre Schuld gesteht. Darauf folgt ein schleppendes und klischeehaftes Ende, begleitet von melancholischer Musik, die im gesamten "Tatort" zu dick aufgetragen ist. Ziska befestigt ein "Geschlossen"-Schild an der Tür ihres Lebensmittelladens, Dagmar geht mit ihren Koffern am Laden vorbei, die Augen mit einer Sonnenbrille verdeckt, und Meinecke schaut mit wehmütigem Blick auf ihre geschlossenen Ladentür.

Der Fall ist gelöst, der "Tatort" aber nicht vorbei: Mit einem harten Bruch springt die Handlung zu den Kommissaren Ritter und Stark, die eine Wette darüber haben, ob es mit dem Auto oder dem Fahrrad schneller zur Arbeit ist. Die Idee ist auflockernd, führt aber an dieser Stelle zu einem überflüssigen Ende nach dem Ende.