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"Tatort"-Kommissar Dominic Raacke: "Machos muss man in Formaldehyd einlegen"

Als Berliner "Tatort"-Kommissar Till Ritter gibt er den raubeinigen Draufgänger. Für den 20. gemeinsamen Krimi mit Kollege Boris Aljinovic ist er in Berlins Untergrund eingetaucht. Im stern.de-Interview spricht Dominic Raacke über Altersweisheit, seine Tochter und sagt, warum die Spezies Macho ein aussterbendes Wesen ist.

Herr Raacke, gerade ist in Stuttgart ein sehr ähnliches "Tatort"-Team angetreten: Felix Klare als Kommissar Sebastian Bootz gibt den Familiensoftie, Richy Müller als Kommissar Thorsten Lannert ist quasi ihr Pendant, ein echtes Raubein.

Den ersten "Tatort" mit den beiden fand ich so nicht gut. Aber diese Kombination ist klassisch, muss man mal gucken, wie sich das entwickelt.

Zum 20. gemeinsamen Berliner "Tatort" mit Ihrem Kollegen Boris Aljinovic sind Sie in den Untergrund der Stadt gegangen. Sind Sie zufrieden mit dieser Folge?

Ich finde ihn einen unserer Besten. Er hebt ab. Ich begebe mich als Kommissar Till Ritter auf die Suche, setzte mich über Nacht in eine U-Bahn und warte aber, was passiert. Die Suche an Tatorten ist unkonventionell. Und die Atmosphäre des Films finde ich sehr stark.

Sie sagen, der hebe ab, dabei führt die Folge in die Tiefe.

Man kann auch in der Tiefe abheben.

Wie empfanden Sie die Dreharbeiten im Untergrund?

Aufregend. Führerbunker, Stasitunnel. Es gibt jede Menge Untergrund in Berlin, der nicht genutzt wird, zumindest nicht offiziell. Wir haben in einem gigantischen Tunnel gedreht, der sich direkt unter dem Brandenburger Tor befindet. Verwunschene Welten, das sind die Gedärme der Stadt, die etwas nehmen, verändern und wieder ausspucken. Das fand ich sehr sinnlich beim Drehen. Wir waren im Keller einer Brauerei, an U-Bahn-Strängen, sind den Germania-Tunnel runtergestiegen, den Hitler und Speer geplant haben, um dort Autobahnen unterirdisch anzulegen. Reste sind noch vorhanden. Ob diese Fantasien, die im "Tatort" beschrieben sind, dass Partys gefeiert werden, verrückte Künstler Werke anlegen, Menschen umgebracht werden, tatsächlich passieren, weiß ich nicht. Aber Berlin ist viel zuzutrauen.

Sie haben in der Vergangenheit schon mal die fehlende kreative Verschwörung beim Rundfunk Berlin-Brandenburg (rbb) bedauert und gefordert, dass der Polizist ein Forscher sein soll, der unbekanntes Terrain betritt. Das ist in diesem "Tatort" erfüllt. Macht Sie das glücklich?

Ja. Der Polizist, der Leitwolf, der was herausfinden soll, nimmt im besten Fall den Zuschauer mit auf eine Reise in eine andere Welt. "Lasst uns in mehr fremde Welten eintauchen", habe ich damals gefordert. Jetzt bin ich happy. Was diese Nörgelei angeht, da habe ich verschiedene Phasen. Ich bin zurzeit in einer sehr milden Phase und finde alles wunderbar. Ich gestehe mir zu, launenhaft zu sein, mal so und mal so.

Vielleicht ist es die Altersweisheit, die sie mild sein lässt. Schließlich sind sie gerade 50 geworden.

Ja, vielleicht. Man muss seine Wege finden, wie man Einfluss nimmt. Vielleicht hat das wirklich mit dem Älterwerden zu tun. Es bringt ja nichts, wenn ich auf die Barrikaden gehe und alles scheiße finde. Ich lasse jetzt mehr auf mich zukommen, ich bin nicht die Redaktion, nicht der Regisseur, nicht der Produzent, sondern ich bin der, der den einen Kommissar spielt. Natürlich werde ich damit identifiziert und bekomme die Streicheleinheiten oder die Prügel, wenn es nicht so gut geworden ist, aber das ist halt so. Ich bin jetzt ruhiger.

Diesmal könnte man meinen, Sie hätten einen anderen Weg gefunden, auf das Drehbuch Einfluss zu nehmen. Schließlich ist die Drehbuchautorin ihre Ex-Freundin, Ex-Schauspielerin Natja Brunckhorst...

...mit der zusammen ich eine wunderbare Tochter, Emma, habe. Ja, es gab eine Phase, in der wir darüber geredet haben. Natja hat das gut geschrieben. Die Idee hatte sie schon vor Jahren. Dann lag es lange rum, bis sie den Zuschlag bekommen hat. Ich bin froh, dass es geklappt hat, sie ist nicht nur eine tolle Mutter und meine Ex-Freundin, wobei das schon sehr lange her ist, sondern auch eine sehr gute Autorin.

Hat Natja Brunckhorst ohne Ihr Zutun den Zuschlag bekommen?

Ich habe sie nicht protegiert, nein. Aber ich habe es verfolgt.

Ihr Tochter ist bald volljährig und steht kurz vor dem Abitur. Hat sie auch künstlerische Ambitionen?

Sie hat Leistungskurs Kunst und wird dort sehr gefordert. Es ist nicht nur ein Trallala-Fach, sondern Theorie wird verlangt. Die künstlerische Ader ist vorhanden, das liegt in der Familie, nicht nur in meiner, auch Natjas Vater ist Musiker. Schauspielerin will sie sowieso werden, ich hoffe, dass sich das verflüchtigt.

Wieso wollen Sie nicht, dass Ihre Tochter in Ihre Fußstapfen tritt?

Jetzt spreche ich als ihr strenger Vater: Ich glaube nicht, dass das eine clevere Entscheidung ist. Es ist im Moment super schwierig in dieser Branche. Ich weiß nicht, ob es in zehn Jahren Fernsehen überhaupt noch gibt. Ich bin in der Goldgräberzeit groß geworden, da gab es viel zu arbeiten.

Hat sich nicht die Chance, als Frau gute Rollen bis ins hohe Alter zu bekommen, stark erhöht?

Frauen bekommen die besseren Rollen. Wenn ich nicht gerade "Tatort" drehe, spiele ich immer einen Mann an der Seite einer Frau. Das Rollenbild hat sich sehr geändert. Kate Winslet ist präsenter als Sean Penn. Das würde wiederum dafür sprechen, Tochter mach das, aber was jetzt alles verlangt wird, ist so hart: supergut aussehen, super spielen, singen, tanzen. Nicht nur als junges frisches Mädchen reinzukommen, sondern die Langstrecke bis ins hohe Alter durchzuhalten, das ist schwierig. Ich sehe meine Tochter mehr im Hintergrund die Fäden ziehen. Sie ist ein Anführertyp und sozial kompetent. Ich glaube sowieso, dass Karrieren nicht mehr linear verlaufen, sondern verschlungen sind.

Bekommen Sie noch gute Rollen angeboten außer die des "Tatort"-Kommissars?

Ich drehe gerade einen Zweiteiler fürs ZDF "Der Doc und die Hexe". Darin spiele ich einen von sich selbst überzeugten Schulmediziner, der als Chirurg in einer großen Klinik arbeitet und meint zu wissen, wie alles funktioniert. Dann kommt ihm eine Ärztin, gespielt von Christiane Paul, in die Quere, die Hexe eben. Es gibt einen Crash zwischen den beiden, weil sie mit ihrer alternativen Heilkunst in die Klinik einbricht. Zur Vorbereitung war ich bei etlichen Operationen dabei, habe gesehen, wie der gesamte Darm rausgenommen wurde. Es ist wie in der Autowerkstatt, nur dass es ein Mensch ist.

Und Sie haben eine starke Frau an Ihrer Seite.

Sie ist die Figur, die alles ins Rollen bringt. Ohne sie wäre er nur ein eingebildeter Chirurg. Sie ist die Alternative, das ist die stärkere Rolle. Und für mich toll, weil ich versuchen muss, ihr standzuhalten. Es wird natürlich auch romantisch. Da bin ich doppelt gefordert. Und es beschreibt den modernen Mann, der sich seiner Rolle nicht sicher sein kann. Das geht ja schon eine Weile so. Das sind spannende Aufgaben für einen Schauspieler.

Sie haben mal gesagt, es wäre aufregender, wenn Männer wieder Männer und Frauen wieder Frauen sein dürften.

Die Zeiten sind vorbei. (lacht) Das habe ich mir gestern noch überlegt: Der Macho ist ein aussterbendes Wesen, man muss ihn künstlich beatmen und in Formaldehyd einlegen. Es wird ihn bald nicht mehr geben. Ich kann diesen Typ darstellen, im "Tatort" oder jetzt auch in diesem ZDF-Zweiteiler, aber ich bin keiner mehr.

Aber sie waren mal einer.

Nein. Ich habe es so oft gesagt bekommen, dass ich mir eingebildet hatte, ich wäre einer. Die Zeiten sind vorbei. Die Sehnsucht ist noch da. Es ist wie ein Kaminfeuer, wo wir unser Wild braten. Aber inzwischen haben wir eine Mikrowelle oder einen Ofen.

Interview: Kathrin Buchner