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TV-Kritik zum "Tatort" Wien: Tarantino trifft Harald Schmidt

Unfassbar surreal und tragikomisch zeigt "Falsch verpackt", was ein "Tatort" sich alles trauen kann. Auch wenn man die Kommissare manchmal kaum versteht.

Von Sophie Albers

Was will man mehr von einem Sonntagabendkrimi, der den nahenden Montagmorgen vergessen machen soll: internationales Verbrechen, über einen ganzen Stadtteil verstreute Leichenteile, korrupte Polizisten, heulende Polizisten, eine "James Bond"-mäßig sexy Verdächtige, eine "Mad Men"-mäßig sexy Assistentin und eine Freude am Tabubruch, die man bisher eigentlich eher von Harald Schmidt kennt.

Ja, der Anfang des Wiener "Tatort" "Falsch verpackt" ist so verwirrend wie die Musik einschläfernd. Aber gibt man dieser Geschichte über Kommissare an Rande des Nervenzusammenbruchs, die aufklären müssen, wie drei tote Chinesen in einen Schiffscontainer kommen und was die wiederum mit der sauber zerteilten Leiche des Mitarbeiters einer Hühnerfleischfabrik zu tun haben, eine Chance, wird man mit einem ungewöhnlich mutigen, immer wieder Tarantinoesk lustigen "Tatort" belohnt, der die Gedanken an den Montagmorgen einfach platzen lässt.

"Drei Chinesen mit dem Kontrabass"

Chefinspektor Moritz Eisner (der beste Nörgler von allen: Harald Krassnitzer) steckt in der Midlife-Crisis und will unbedingt abnehmen. Kollegin Bibi Fellner (brillant: Adele Neuhauser) schleppt ihm das Essen hinterher, hat ein Alkoholproblem und geht ab und zu mit einem Mordverdächtigen ins Bett. Eigentlich viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt und Lichtjahre entfernt von cool verhören sie den Hühnerfleisch-Fabrikanten Müller (Christ und Vegetarier: "Früher Schweine in Leipzig, jetzt Hühner in Wien"), in dessen Container die Leichen gefunden wurden, dem der Tod aber komplett am Hintern vorbeigeht. Ebenso hilflos wirken die Beamten angesichts der schönen, wortkargen Chinesin, deren Restaurant von dem kurze Zeit später zerstückelten Mann verwüstet wurde.

In bestem Wiener Schmäh droht schließlich ein korrupter Kollege von der Ausländerpolizei, die Recherchen von Eisner mit einer Strafversetzung zu ahnden. Höhepunkt ist eine geradezu "Inspektor Clouseau"-mäßige Verfolgungsjagd, die mit einem extrem uncoolen Nasenbeinbruch endet, woraufhin Kommissarin Fellner erstmal zu den Anonymen Alkoholikern rennt. Dazu gibt es eine kräftige Dosis Ekel für alle Bio-Freunde und eine Portion erstaunlich gemütlichen Rassismus, der im gleichen Augenblick gebrochen wird: Während Fellner feststellt, dass die Asiaten "eh alle gleich aussehen" und man "nie weiß, was die denken", herzt sie sogleich Mustafa, der mehrere Tage hintereinander ein T-Shirt mit der Botschaft "I'm not a tourist, I live here" trägt.

"Geile Sau"

Zuweilen begeistert fassungslos macht die Chuzpe von Drehbuchautor Martin Ambrosch und Regisseurin Sabine Derflinger, wenn die Sexbomben-Assistentin Eisner "geile Sau" hinterher ruft, wenn Fellner vor der Tür der Anonymen Alkoholiker kehrt macht und lieber einen trinken geht, oder wenn Eisner das in der blutigen Brust des Bösen prangende Hackebeilchen noch schnell mit dem Handy fotografiert. Das sind Sprüche, Gesten, Lebenswelten, die man überall erwartet, nur nicht im "Tatort". Und das alles passiert so nonchalant, so hintenrum durchs Auge, dass man sich als Zuschauer endlich mal für voll genommen fühlt. Wie gesagt. Schmidt lässt grüßen.

Schneller könnte es noch gehen. Aber wir sind eben in Wien. Die Musik könnte mehr rocken, aber dieses minimale Manko wird bravourös ausgeglichen, wenn die Kommissare am Ende auf einer Parkbank sitzen, Kaviar löffeln und "Drei Chinesen mit dem Kontrabass" singen.

Mehr geht einfach nicht. Der Montag soll nur kommen.