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TV-Kritik

Gesangsshow: Zwei Masken fallen: Premiere bei "The Masked Singer" – aber die Jury zieht (einen) durch

Auch die zweite Ausgabe der ProSieben-Show ohne Publikum entpuppt sich als kurzweiliger Kostümquatsch, bei dem diesmal gleich mehrmals die Masken fallen. Die Göttin musste gehen, die Kakerlake wollte gehen – und die Jury warb für Kräuterzigaretten.

Von Ingo Scheel

Rebecca Immanuel, Schauspielerin, steht als enttarnte Figur "Die Göttin" in der Prosieben-Show "The Masked Singer"

Rebecca Immanuel, Schauspielerin, steht als enttarnte Figur "Die Göttin" in der Prosieben-Show "The Masked Singer" neben Moderator Matthias Opdenhövel

ProSieben / DPA

Die Zeiten, sie sind ernst. Man muss nicht erst "The Masked Singer" (ProSieben) einschalten, um das mitzubekommen. Und dennoch: Wie ernst ist die Lage erst, wenn schon jene Spezies den schwankenden Kahn verlässt, von der man doch eigentlich immer behauptete, sie würde sogar den Atomkrieg überleben – die Kakerlake.

Nun denn, die Kakerlake hat ihre Gründe, und das sind die wohl nachvollziehbarsten und vernünftigsten, die man in diesen Tagen haben kann. Im Kostüm steckte, das hatten am Ende, als das abtrünnige Getier schließlich demaskiert wurde, alle drei Juroren – neben Ruth Moschner und Rea Garvey war diesmal Luke Mockridge dabei – einstimmig getippt: Angelo Kelly.

Der Clansman lebt, seine Fans wissen das natürlich, in Irland und den mit wöchentlichen Shows verbundenen Flugtransfer von daheim zur Sendung wollte Kelly, so berichtete er im Einspieler, bei dem er die Kakerlaken-Greifer bereits gegen Gummistiefel getauscht hatte, nicht mehr riskieren. Die Chancen standen zuvor durchaus nicht schlecht, dass die Kellykakerlake in dieser Staffel weit gekommen wär, die Gründe für den Ausstieg jedoch – und die damit verbundene, freiwillige Demaskierung – für alle unabdingbar.

Rätselraten bei "The Masked Singer"

Am Ende der Sendung wurde dann auch noch die Göttin ihres glitzernden Inkognitos beraubt, aber bis dahin dauerte es noch einmal satte drei Stunden. Zunächst bekam es der Wuschel ("Can’t Stop The Feeling") mit dem Hasen ("I Wanna Be Loved By You") zu tun, die doppelte Niedlich-Vollbedienung zum Auftakt. Die Jury, in der Luke Mockridge ziemlich kompetent den Spuren seines analytisch hochbegabten Vorgängers Elton folgte, im Tipp-Taumel. Größen wie Enie van de Meiklokjes, Nora Tschirner und Blümchen wurden unterm Hasenfell vermutet, den Wuschel verortete man bei Wincent Weiss, Mike Singer und Giovanni Zarrella. Das Gute am multiplen Stochern im Nebel: Die Herleitungen mögen sich noch so logisch anhören, am Ende sind sie meistens doch nur Quatsch.

Im Duell Roboter versus Göttin schließlich das Aufeinandertreffen der Pop-Schwergewichte, ABBA gegen Lizzo, "The Winner Takes It All" gegen "Juice". Beim Roboter die überaus stimmige Vermutung von Rea Garvey: Hier hält jemand mit seinem Talent hinterm Berg, um das Rätsel noch schwerer zu machen. Ganz klappte es mit der freiwilligen Qualitätsminderung dann doch nicht. Wie es da mit der Stimme am Ende des ABBA-Klassikers in die hohen Lagen ging, das klang schon nach dem einen oder anderen Dutzend Gesangsstunden.

Die Göttin hatte schließlich, wenig überraschend, das Nachsehen in diesem ungleichen Duell. Ruth Moschners Vermutung, es könnte sich bei ihr um eine Frau handeln, mit der sie kürzlich noch zusammen Cowboyhüte gekauft und sich über Brüste unterhalten habe – was man halt so macht, wenn einem die Kontaktsperre auf den Keks geht – sollte sich jedoch als falsch erweisen.

Am Schluss dann die große Gottesenttarnung

Im finalen Dreikampf dann das Chamäleon – das muss einfach Didi Hallervorden sein! – gegen den Drachen. Das wiederum müsste Gregor Meyle sein. Oder Florian Silbereisen! Gegen das Faultier, bei dem Luke Mockridge die Vermutung aus dem Zylinder zog, es könne sich um Mirko Nontscheff handeln. Die Herleitung, irgendetwas mit 'non' und 'Chef', mag etwas fiebrig geklungen haben, die Erklärung für derlei Vogelwildes unter der eigenen Hutschnur hatte Mockridge da bereits bereitwillig eingestanden: "Ich habe vor der Sendung gekifft!". Nun denn, hätten wir das also auch abgehandelt, vielleicht eine Anregung fürs Publikum daheim in Corantäne, wenn sich nach zwei, drei Wochen Wohn-Iso das Mentale zunehmend verhärten sollte.

"Schlag den Star"-Reaktionen auf Twitter: "Ü35: Wer ist Dagi Bee? U35: Wer ist Blümchen?"

Zum großen Kehraus schließlich brachte Rea noch den Hasen zum Weinen, vergaßen Chamäleon und Drache für einen verknuddelten Moment doch glatt den Sicherheitsabstand und fabulierte Luke Mockridge etwas von "Gesamtperformheit", einer Wortschöpfung also, auf die man wohl tatsächlich erst nach drei, vier Zügen an der Kräuterzigarette kommt. Am Schluss dann die große Gottesenttarnung – unter der schillernden Couture verbarg sich weder Maren Gilzer noch Charlotte Würdig, Paula Lambert oder sonst irgendjemand aus "Ruth Moschners Whatsapp-Adressbuch" (O-Ton Mockridge), sondern Schauspielerin Rebecca Immanuel ("Edel & Starck"). Und die hatte nun wirklich niemand auf dem Zettel.

fs