Eine beliebte zeitgenössische Diagnose unserer Gesellschaft lautet ungefähr so: Die Menschen leben und reden nur noch in ihren eigenen Blasen, wodurch die soziale Spaltung immer weiter zunimmt. Um dieser Entwicklung wiederum entgegenzuwirken, hört man allerorten Forderungen nach "Dialog". Schwieriger scheint es, dieses abstrakte Konzept konkret umzusetzen. Wie ein solcher Versuch aussehen kann, zeigt nun im Ersten die Dokumentation "Was Deutschland verbindet": Sie begleitet die gleichamige Dialog-Aktion der ARD, die unterschiedlichste Menschen zusammenbringt, um offen miteinander zu reden. Das Format zeigt die Highlights der insgesamt sechs Diskussionsrunden, die in voller Länge in der ARD-Mediathek abrufbar sein sollen.
Filmemacher Sergej Moya hat Erfahrung mit derlei Experimenten – 2025 begleitete er bereits das ähnlich gelagerte HR-Format "Weil Hessen mehr verbindet", das der Aktion als Vorbild diente. Diesmal treffen für ein ganzes Wochenende 84 Teilnehmerinnen und Teilnehmer – symbolisch für 84 Millionen Deutsche – aus dem ganzen Land aufeinander, die sich vorher nicht kannten und mit verschiedenen Lebenswegen und -einstellungen ins Gespräch kommen wollen.
Nicht übereinander reden, sondern miteinander – so das grundlegende Motto des TV-Versuchs, der unter Federführung des Hessischen Rundfunks entstand. "Unser Ziel ist es, Räume zu schaffen, in denen Menschen in die Diskussion kommen. Damit sie einander zuhören, andere Meinungen aushalten, sich nicht niederbrüllen oder wegwischen, sondern miteinander diskutieren", so ARD-Vorsitzender und HR-Intendant Florian Hager.
Was die Menschen bewegt
Was bewegt die Menschen, welchen Dingen messen sie die meiste Relevanz bei? Gleichberechtigung, Migration, Demokratie, Meckerkultur und Wandel: So die in den Vorgesprächen meistgenannten potenziellen Themen, über die sich die Teilnehmer an zwei Orten austauschen wollen. Begleitet werden die Runden in den Fernsehstudios von nicht-journalistischen Moderatoren – in Baden-Baden von Arzt, Psychiater und Schriftsteller Dr. Jakob Hein, in Leipzig von Coachin und Wirtschaftspsychologin Andrea Sandor. Neben den sechs Themen-Runden gab es auch Einzelinterviews.
Was, wenn man dem Gegenüber mit seinen oder ihren vielleicht entgegengesetzten Ansichten einfach mal zuhört? Geklärt werden soll laut Senderankündigung die Frage, was passiert, wenn die Leute "in Zeiten wachsender gesellschaftlicher Spannungen und Unsicherheiten über ihre Erfahrungen, Hoffnungen und Ängste sprechen". Im Mittelpunkt des TV-Experiments steht der Versuch, die Perspektive des Gegenübers einzunehmen und zu verstehen. "Es geht nicht darum, andere überzeugen zu wollen, sondern Menschen mit anderen Positionen Raum zu geben", erklärt Projektleiterin Nina Pater. Überträgt man das auf die Gesamtgesellschaft, könnte dies ein wichtiger Schritt sein, um die oft diagnostizierte Spaltung zu überwinden.
Begleitet wird die Dialogaktion im Ersten nicht nur in der 60-minütige Doku, sondern bis 5. Juni auf allen ARD-Plattformen, von TV und Mediathek über funk und Social-Media-Kanäle bis ins Radio- und Podcast-Programm.
Was Deutschland verbindet – Mo. 01.06. – ARD: 23.35 Uhr