HOME

ARD-Film "Zappelphilipp": Zwischen Toleranz und Ritalin

In Deutschland leiden über 500.000 Kinder unter ADHS. Der ARD-Film "Zappelphilipp" zeigt, in welche Konflikte die Krankheit Eltern, Pädagogen und Mitschüler stürzen kann.

Schauspielerin Bibiana Beglau seufzt und lacht: "Vielleicht ist Schauspielerei nicht mein Traumberuf. Aber ich bin dennoch froh, nicht schon morgens um acht vor einer schreienden Rasselbande stehen zu müssen." Nein, sie möchte keine Lehrerin sein, nachdem sie einen kleinen Vorgeschmack während ihrer Arbeit zum Film "Zappelphilipp" bekommen hat, den die ARD am Mittwoch um 20.15 Uhr zeigt. Einmal hatte sie dort zwischen 200 Kindern gestanden und hatte Sportunterricht geben sollen, und Regisseurin Connie Walther hatte nur freundlich gesagt: "Kamera läuft! Nun mach mal was..."

"Zappelphilipp" - der Titel ist eine Anspielung auf Heinrich Hoffmanns "Struwwelpeter"-Buch - behandelt das heikle Thema ADHS. Die davon gezeichneten Kinder sind hochsensibel, hochintelligent. Also Musterexemplare. Eigentlich. Dann rasten sie aus. Schreien, toben, schlagen um sich, werden kleine Monstren. Übermotorisch, immer in Bewegung, kaum kontrollierbar. Andere Kinder meiden sie. Wie hier den kleinen Anton, der die Trennung der Eltern zu kompensieren scheint.

Bibiana Beglau als Lehrerin Hannah versucht es mit Nachsicht, liebevoller Zuwendung, Toleranz. Andere schütteln den Kopf, vor allem die Eltern, deren Kinder unter Antons Ausfällen zu leiden haben. Aber auch im Lehrerkollegium spalten sich die Meinungen. Hier hilft nur medikamentöse Ruhigstellung, meinen manche. Hannah sträubt sich dagegen. Aber auch sie kann sich nicht immer den Argumenten der anderen verwehren. Als sie zum Beispiel dem aus dem Klassenzimmer entwichenen Anton hinterherstürzt und die übrigen Kinder alleinlässt. Darf ein einzelner mehr Aufmerksamkeit für sich verlangen als alle übrigen? Ein Dilemma, das sich zum dramatischen Konflikt zuspitzt.

Es gibt keine ideale Lösung

Mit ihrem Filmpartner Fabian Haas hatte die Schauspielerin nicht solche Konflikte wie Hannah mit Anton: "Wir sind richtige Freunde geworden." Zumal Fabian, obgleich aus einer Schauspielerfamilie, kein typisches, vom Ehrgeiz der Eltern vorangetriebenes Filmkind ist. Der Elfjährige stand erstmals vor der Kamera. Umso verblüffender, mit welcher undressierten Genauigkeit der Junge spezifischen Tonfall, Gestus und Blick eines ADHS-Kindes trifft. Das vertieft noch die Problematik, zu der Beglau sagt: "Unsere Gesellschaft muss sich auch Chaos und nichtkonforme Lebensmodelle leisten können, welche die Gesellschaft mit anderen Qualitäten bereichert, auch wenn es langsamer geht oder es ungewöhnliche Wege sind."

Pures Gutmenschentum hilft da nicht, und die ideale Lösung solcher Problemfälle gibt es nicht. Connie Walthers Film verzichtet denn auch auf ein wohlfeil harmonisierendes Happy End. Die Fragen bleiben offen, der Zuschauer muss selbst seine eigene Antwort finden.

Paul Barz, DPA / DPA
Themen in diesem Artikel