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Momente der TV-Geschichte Der falsche Kohl - ARD vertauscht Neujahrsansprache, kaum einer merkt's

Helmut Kohl
Eine Wiederholung der kuriosen Art: Die ARD sendet 1986 die Neujahrsansprache von Bundeskanzler Helmut Kohl aus dem Vorjahr.
© Marcus Thelen/ / Picture Alliance
Diese TV-Panne ist legendär: 1986 strahlt die ARD die Neujahrsansprache von Bundeskanzler Kohl aus. Allerdings die aus dem Vorjahr. Kaum einer bemerkt es.

"Ich wünsche Ihnen ein friedliches 1986." Bitte was? Hat er gerade 1986 gesagt? Manch ein Zuschauer war überzeigt davon, dass es sich um einen Fauxpas handelte, dass Helmut Kohl sich schlicht im Jahr vertan habe. Der "Dicke aus Oggersheim" weiß nicht mal, welches Datum wir haben, juxen einige. Doch nicht der Bundeskanzler, sondern die ARD leistet sich an jenem Abend einen legendären Patzer.

Am 31.12.1986 sendet das Erste die Neujahrsansprache des Bundeskanzlers. Allerdings vertauscht jemand das Band. Statt der zuvor aufgezeichneten Kohl-Rede für 1987, wird die Version aus dem Vorjahr noch einmal eingelegt. Über neun Minuten spricht Kohl. Doch beim programmverantwortlichen Sender NDR bemerkt man nichts. Dass die Telefone nicht mehr stillstehen, interessiert zunächst niemanden.

Helmut Kohls Medienberater wird "fast verrückt"

Bundeskanzler Kohl soll entsetzt gewesen sein, als er im heimischen Wohnzimmer sieht, dass die Ansprache aus dem Vorjahr noch einmal gesendet wird. Sein Medienberater Eduard Ackermann versucht verzweifelt, in Hamburg-Lokstedt jemanden zu erreichen. Doch er landet in der Warteschleife und wird, wie er später sagen wird, "fast verrückt". Erst 90 Minuten nach der Panne reagiert die ARD und blendet in das Showprogramm des Silvesterabends einen Text mit der Information über die vertauschten Bänder ein.

Wenige Wochen vor der Bundestagswahl 1987 wittern einige Politfreunde Kohls Sabotage. Sie vermuten, dass der NDR die Bänder bewusst falsch eingelegt habe, um den Kanzler zu diffamieren. Das weist NDR-Programmchef Rolf Seelmann-Eggebert weit von sich. Er wird den Abend vielmehr als Albtraum beschreiben.

NDR entschuldigt sich

Da der WDR kurz zuvor für eine Satiresendung die alte Neujahrsansprache aus 1986 angefordert hatte, liegen an jenem Abend beide Bänder in der Sendezentrale. Wegen der Feiertage wird das alte Band nicht wie üblich zurück ins Archiv gebracht. Das Verhängnis nimmt seinen Lauf. Die ARD entschuldigt sich hinterher, Kohl nimmt die Entschuldigung an. Trotzdem ist auch er blamiert.

Denn viele Zuschauer hatten die Verwechslung gar nicht bemerkt. Diejenigen, die zuvor der Ansprache im ZDF gelauscht hatten (da wurde die richtige ausgestrahlt), wunderten sich häufig nur über Kohls anderes Jackett. Inhaltlich aber waren die Reden austauschbar: Frieden, Arbeitslosigkeit, Umweltschutz – die Themen für 1986 und 1987 ähnelten sich. Nicht mal die Erwähnung der Genfer Abrüstungskonferenz, die bereits 1985 stattgefunden hatte, ließ die Zuschauer stutzig werden.

Einen Tag später, am Neujahrstag 1987, wiederholt die ARD die Neujahrsansprache Helmut Kohls vor der "Tagesschau". Dieses Mal mit dem richtigen Band und den richtigen Wünschen: "Ein friedvolles und glückliches Jahr 1987."

mai

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