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Bodensee-"Tatort": Gefangen in einem Fischernetz aus Klischees

Zwischen Dialekt und Nebel: Der Bodensee-"Tatort" bedient ein Klischee nach dem anderen - und tut einer ganzen Region damit unrecht. Ein Versuch, den Schleier der falschen Authenzität zu lichten.

Von Stephanie Beisch

Nebel und Krimi: Für die Macher des Bodensee-"Tatorts" offenbar eine zwangsläufige Paarung. Dass sie damit eine ganze Region in die Klischee-Hölle verbannen, ist ihnen offenbar egal.

Nebel und Krimi: Für die Macher des Bodensee-"Tatorts" offenbar eine zwangsläufige Paarung. Dass sie damit eine ganze Region in die Klischee-Hölle verbannen, ist ihnen offenbar egal.

Dunkel und grau – das ist der Bodensee. Zumindest sonntags im "Tatort". Und das nicht nur im Herbst. Das südliche Stückchen Deutschland, welches so nah an "Dolce Vita" und südländischem Leben liegt wie sonst kein anderer Teil des Landes, in dem Wein angebaut und Kiwis geerntet werden, wird immer wieder auf die dunkle Jahreszeit reduziert.

Sonne scheint es in Konstanz nicht zu geben. Das Wetter besteht generell aus Nebel, Regen, Gewittern und im Winter auch mal aus Schnee. Aber Sonne? Niemals. Der Versuch, das Genre auch witterungsmäßig umzusetzen und zu implizieren, dass Mord eine ernste, dunkle Sache ist? Da hat sich die Stimmung anzupassen – und am Bodensee auch das Wetter. Mystisch und dunkel soll es sein, da passt es nicht, wenn der See in der Sonne glänzt, ein Toter zwischen blühenden Rosen auf der Insel Mainau liegt und im Hintergrund das Alpenpanorama ein friedliches Landleben offenbart. Und wenn es dann bei den Dreharbeiten komischerweise doch mal nicht so neblig sein sollte, dann wird nachgeholfen. Mit Nebelmaschinen en masse. Ein Dunstinferno, auf das jede Dorfdisco neidisch wäre.

Dorf. Dumm. Dialekt

Aber es wäre nicht der Bodensee-"Tatort", wenn nicht auch das Dorf-Klischee aufgegriffen würde. Denn immerhin befinden wir uns in Baden-Württemberg und in der Schweiz, wo das Leben bekanntlich auf dem Land stattfindet und von den Melkzeiten und den Fahrplänen der Fähren – ohne die man sich am Bodensee generell nicht vorwärts bewegt – bestimmt wird. Ausgenommen sind natürlich die schwimmenden Fahrräder.

Doch modern und in gläsernen Neubauten mit phänomenaler Sicht auf den See - wenn man ihn dann durch die Nebelschwaden erahnen kann - leben nur die Reichen und Intelligenten, die natürlich zugezogen sind und hochdeutsch sprechen. Der Rest wohnt noch immer im Fachwerkhaus der Großeltern, trägt Kittelschürzen und ist aufgrund seines einfachen Lebens des Hochdeutschen nicht mächtig.

Eine Sprache für den "Tatort"

Anders die Kommissare aus der Schweiz. Die beide Dialekt sprechen. Wobei auch das Schweizerdeutsch keineswegs Schweizerdeutsch ist. Denn das würden die meisten "Tatort"-Zuschauer gar nicht verstehen. Deshalb sprechen Matteo und seine Kollegen eine Mischung aus Hochdeutsch und Schweizerdeutsch. Noch so markant, das der Dialekt erkannt wird und über Sätze wie "Wo bisch, wo bisch, wo bisch" geschmunzelt werden kann, aber immer so verständlich, dass der Zuschauer nicht in die missliche Lage des Unverständnisses gelangt.

Doch nicht nur die Wetter,- Wohn- und Sprachproblematik lässt einem als Bodenseekind das Heimatherz schwer werden. Neben der brachialen Aneinanderreihung von regionalen- und genreangepassten Klischees werden auch immer wieder Fakten geschaffen, die dem norddeutschen Zuschauer etwas vorgaukeln, was völlig hanebüchen ist. So ist es nichts Besonderes, und stützt schon gar keine kriminalistische Theorie, wenn eine Person in der Schweizer Stadt Kreuzlingen deutsche Lebensmittel in ihrem Kühlschrank hat. Denn die Städte Kreuzlingen und Konstanz gehen trotz Ländergrenze ineinander über. Und weil es für Menschen, die in der Schweiz wohnen, viel günstiger ist, in Deutschland einzukaufen, findet sich in den meisten Kreuzlinger Kühlschränken deutsches Essen.

Die anderen städtischen Veränderungen oder "Besonderheiten" lassen wir mal unter den den Deckmantel der künstlerischen Freiheit verschwinden, denn der "Tatort" ist ja nun doch keine Dokumentation, sondern immer noch ein Film, und wenn man für die Geschichte eine Wurstbude am See braucht oder eine Promenade, wie Konstanz sie nicht hat, dann darf man da auch gerne schummeln. Doch eine Sache ist da noch: Auch wenn Konstanz am Wasser liegt, arbeitet nicht jeder Zweite auf dem See oder nutzt den Schiffsverkehr, um sich fortzubewegen. Es gibt da unten in Süddeutschland auch (geteerte) Straßen - und die führen auch nicht alle in einen Wald oder enden am See. Sie führen über Zürich oder Stuttgart in den Rest der Welt, die auch in Konstanz schon angekommen ist. Nur im Bodensee-"Tatort" noch nicht.