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Das Fernsehgericht tagt: "Clara Immerwahr": Eine Frau mit Talent - aber ohne jede Chance

Die ARD bringt starke Frauen auf den Bildschirm: Nach Elisabeth Selbert ("Sternstunde ihres Lebens") widmet der Sender sich jetzt dem traurigen Schicksal der Chemikerin Clara Immerwahr.

Von Oliver Creutz

Dieser Filmtitel! Er klingt nach einem Mädchennamen, den sich neubürgerliche Eltern vom Prenzlauer Berg für ihre Tochter ausgesucht haben. Oder nach einer Schöpfung eines Drehbuchautors mit Vorliebe für sprechende Namen. Klar, immer, wahr. Puh. Thomas Mann (der sich etwa Lobgott Piepsam, Bendix Grünlich und Else Schweigestill ausgedacht hat) ist nichts dagegen.

Doch Clara Immerwahr lebte tatsächlich - von 1870 bis 1915. Sie wurde groß in einer Zeit, in der es Frauen in Preußen verboten war, das Abitur zu machen und zu studieren. Immerwahr aber zog es ins Labor, sie wollte Chemikerin sein, wollte mehr als nur ein Gewitter im Reagenzglas erleben. Auf sich gestellt begab sie sich in eine Welt der Männer, kämpfte und erlangte sogar den Doktortitel. Die Herren im Frack und im weißen Kittel stellten sich gegen sie oder drehten ihr den Rücken zu. Viele Szenen in dem Fernsehfilm des SWR zeigen die Einsamkeit dieser besonderen Frau (wunderbar pathosfrei dargestellt von Katharina Schüttler), die immer stärker das Gefühl beschlich, dass ihre Intelligenz völlig wertlos war. Sie durfte nicht sein, was sie sein wollte: eine Wissenschaftlerin.

Die Ehe endet in einer Tragödie

Das allein ergibt noch keinen Film. Da muss noch eine menschliche Ebene hinzukommen, und auch die findet sich im Leben der Clara Immerwahr. Als sehr junge Frau lernte sie den Chemiker Fritz Haber (gespielt von Maximilian Brückner) kennen, als nicht mehr ganz so junge Frau traf sie ihn wieder. Sie heirateten. Immerwahr erhoffte sich, als Habers Frau Zugang in die Labore zu erhalten. Haber hoffte, dass seine Frau mit ihrem Platz in Küche und Kinderzimmer zufrieden sein würde. Es konnte nicht gut gehen - und endete als Tragödie. Als Haber sich vom deutschen Militär einspannen ließ, ein Giftgas für die Schlachten des Ersten Weltkriegs zu entwickeln, antwortete Immerwahr mit der Pistole.

Es ist beklemmend, eine Frau auf ihrem langen Weg in die Sackgasse zu begleiten. Immerwahr schneidet sich die Haare ab, um den Gesetzen der Männer zu gehorchen. Sie lässt ihren Sohn von einem Kindermädchen großziehen, um Zeit für die Forschung zu finden, und verliert dadurch den Herzenskontakt zu ihm. Der Mann, den sie einmal geliebt hat, entgleitet ihr. Der Versuch, ihn zur Räson zu bringen, scheitert. Der Film ist das Porträt einer hochbegabten Frau, die vom Rest der Welt wie eine Kranke, wie eine Hysterikerin behandelt wird. Sie ist die Geisterfahrerin in einer Gesellschaft, die sich geschlossen auf den großen Krieg zubewegt. Sie muss sich fühlen wie in einem Albtraum, in dem ihre Schreie stumm bleiben.

Eigentlich handelt es sich um einen Kinostoff, der da im Abendprogramm gesendet wird. Auf der großen Leinwand wäre eine Vertiefung der Verzweiflung darstellbar gewesen. Auch eine größere Formenpalette wäre möglich gewesen, nicht immer nur die fernsehtypischen Großaufnahmen. Es ist manchmal verquer in Deutschland: Da laufen Stücke, die ins Fernsehen gehörten, im Programmkino, und Filme, die sich fürs große Format eigneten, werden aufs Bildschirmformat verkleinert.

"Clara Immerwahr" ist zum Glück kein frauenbewegter Film geworden, sondern ein Stück über Einsamkeit und Wehrlosigkeit. Clara Immerwahr war eine Frau mit großem Talent - aber ohne jede Chance.

Urteil: Geschichtsstunde und Menschenstudie - so gut wie hier gelingt diese Mischung nur selten.

"Clara Immerwahr", Mittwoch, 28.5., 20.15 Uhr, ARD

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