Der mittlerweile 78-jährige Brite Nick Broomfield ist bekannt für seine scharfsinnigen, oft investigativen Musikerbiografien. So gehen viel diskutierte Filme wie "Whitney – Can I Be Me" (2017) oder "Kurt & Courtney" (1998) auf sein Konto. Nun zeigt ARTE sein Porträt "Brian Jones und die Rolling Stones" von 2023 als deutsche Erstausstrahlung. Der "blonde Engel" des britischen Rhythm'n'Blues gründete die 1962 die Rolling Stones und galt als musikalisches Genie. Für seinen Bandkollegen Keith Richards war er als Gitarrist und Musikkenner ein großes Vorbild. Doch mit dem Aufstieg der Band während der 60-er verblasste Jones' Einfluss in der Band immer mehr. Gleichzeitig versank er immer tiefer in Selbstzweifeln und Drogen.
Am 3. Juli 1969 starb Brian Jones mit nur 27 Jahren und "gründete" damit den ominösen Klub 27. Später traten ihm Jimi Hendrix, Janis Joplin, Jim Morrison sowie viele Jahre danach Kurt Cobain bei: All diese Superstar-Leben endeten unter Drogeneinfluss mit nur 27 Jahren. Nick Broomfields Film, der bereits ab 8. Mai in der ARTE-Mediathek abrufbar ist, erzählt nicht nur sensibel das persönliche Drama des hochtalentierten Brian Jones, sondern er ist auch eine Geschichte darüber, wie sich Lebensstil und Kultur junger Menschen im Laufe der 60-er-Jahre radikal veränderten.
Kontroverses Verhältnis zu jeglichen Autoritäten
Bill Wyman, Stones-Bassist bis zu seinem Ausstieg 1993, spricht als einziger aus der Band in diesem Film über Brian Jones. Verständlich, wenn man im Laufe der gut 90 Filmminuten versteht, wie kompliziert das Verhältnis von Jones zu den späteren Chefs der Band, Mick Jagger und Keith Richards, war. Irgendwann wurde es so kompliziert, dass Jagger und Richards Jones aus der Band warfen, da wegen dessen Drogensucht und Unzuverlässigkeit kein normales Arbeiten mehr möglich war.
Nick Broomfields Film erzählt jedoch mehr als die übliche Aufstiegs- und Fallgeschichte eines tragischen Musikerlebens. Er beginnt und endet mit den Eltern des Jungen aus Cheltenham, Gloucestershire. Sein Vater war Ingenieur, die Mutter Klavierlehrerin. Jones entstammte der konservativen britischen Mittelschicht. Ein kluger Kopf und Einserschüler.
Die Eltern setzten große Hoffnungen in ihren engelsgleich hübschen, intelligenten Sohn. Doch mit dessen Pubertät begannen nicht nur die Hormone ihr Werk. Auch der Rock'n'Roll bahnte sich in Großbritannien seinen Weg. Brian Jones wurde besessen von Bluesmusik und dem Gitarrenspiel. Er ließ sich die Haare lang wachsen und begann ein äußerst kontroverses Verhältnis zu jeglichen Autoritäten zu entwickeln.
"Von 100 Fanbriefen waren 60 für Brian"
Schließlich warfen ihn seine enttäuschten Eltern – vor allem der strenge Vater – im Alter von 17 Jahren aus dem Haus. Jones lebte bei Freunden und Quasi-Pflegefamilien, deren Töchter er gleich mehrfach schwängerte. Mit 22 Jahren war er bereits fünffacher Vater. Sein Leben blieb allerdings – trotz des parallelen Aufstiegs seiner Band The Rolling Stones – eine Baustelle. Filmemacher Broomfield, der Jones als 14-Jähriger mal im Zug traf und sich länger mit ihm unterhielt, zeichnet dessen Lebensweg brillant mit Interviewstimmen in ebenso grobkörnigem wie seltenem Archivmaterial nach. Gerade in der ersten Hälfte des Films entsteht so der Eindruck, einem faszinierend unbekannten jungen Leben im biederen Großbritannien der späten 50-er und frühen 60-er zu folgen.
Später dann sind die Aufnahmen von Jones, Jagger, Richards und Co. Allgemeingut. Die Band gehört zu den meistfotografierten und abgefilmten des Planeten. Auch die Fanpost damals ist eindeutig: "Von 100 Fanbriefen waren 60 für Brian, 25 für Mick und der Rest verteilte sich auf die anderen", sagt eine bandnahe Quelle aus den frühen Jahren der Band. Auch musikalisch wies Jones in jener Zeit den musikalischen Weg. Allerdings war Jones kein Schreibtalent, anders als Jagger-Richards. Und er war ein unsicherer Charakter, was auch in Interviewsequenzen mit der Band deutlich wird.
Im Film kommen viele Ex-Freundinnen von Brian Jones zu Wort: darunter die mittlerweile ebenfalls verstorbenen Stones-Musen Marianne Faithful und Anita Pallenberg. Als intimes Musikerporträt und Zeitgemälde einer Ära, als die Jugend sich aus dem autoritären Gesellschaftskorsett der Nachkriegszeit befreite, sich aber auch zum Teil wie Jones in der neuen Freiheit verlor, ist "Brian Jones und die Rolling Stones" einer der besten Musik-Dokumentarfilme, die man seit längerer Zeit gesehen hat.
Brian Jones und die Rolling Stones – Fr. 15.05. – ARTE: 21.50 Uhr