Der 46. Münster-"Tatort: Man stirbt nur zweimal" (2024, Regie: Janis Rebecca Rattenni, Drehbuch: Sascha Arango), der nun am Sonntag zur Primetime wiederholt wird, ist einer jener Kriminalfilme, bei denen das Publikum von Anfang an mehr weiß als der ermittelnde Kommissar Frank Thiel (Axel Prahl) und der Rechtsmediziner Professor Karl-Friedrich Boerne (Jan Josef Liefers). Die nämlich kennen beim Eintreffen in der Villa am Rande Münsters erst einmal nur die durchaus bizarren Fakten.
Der Anwalt Oskar Weintraub (Nils Brunkhorst) ist tot. Er starb beim Sturz von einer Brüstung, bei dem sein Körper vom Speer einer darunter stehenden Krieger-Skulptur durchbohrt wurde. War es ein tragischer Unfall oder gar Notwehr, wie die Hausbesitzerin Doreen Prätorius (Cordelia Wege) behauptet? An den genauen Tathergang erinnern kann sich die traumatisierte Frau hingegen nicht.
TV-Publikum mit Wissensvorsprung
Für Thiel und Boerne beginnen zähe Ermittlungen, ausgelöst von einer Sachlage, die in sich schon äußerst widersprüchlich ist: Vor wenigen Stunden erst hatte der nun tote Weintraub die verwitwete Doreen Prätorius erfolgreich im Rechtsstreit mit einer Versicherung unterstützt. Diese hatte sich vergeblich geweigert, die fällige Lebensversicherung von Doreens Mann auszuzahlen. Dabei ist Jonas Karl Prätorius bereits vor drei Jahren während einer seiner vielen Forschungsreisen verschollen.
Könnte es sein, dass Weintraub angesichts der nun auszuzahlenden Summe gierig wurde, dass er Doreen Prätorius bedrohte und sie sich mit dem tödlich endenden Stoß von der Brüstung verteidigte? Das Fernsehpublikum ist zu diesem Zeitpunkt freilich schon viel weiter: Seit Filmminute neun ist klar, dass der totgeglaubte Jonas Karl Prätorius (Christian Erdmann) in Wahrheit noch lebt. Es geht in diesem Krimi also weniger um die Frage: "Wer hat was getan?", sondern eher um das Wie und Weshalb.
Gewöhnliche Lösung für ein ungewöhnliches Team
Der "Tatort: Man stirbt nur zweimal" war der erste Fall, den der Reihen-erfahrene Autor Sascha Arango für das Münster Kult-Duo schrieb. Bis dahin hatte der gebürtige Berliner hauptsächlich den mittlerweile im Ruhestand befindlichen "Tatort"-Kommissar Borowski (gespielt von Axel Milberg) im hohen Norden ermitteln lassen.
Fast schien es angesichts des Falls, der 2024 erstausgestrahlt wurde, als werde die seit 2002 produzierte Münster-Reihe inzwischen zunehmend altersmüde: Schon der vorangegangene 45. Film "Unter Gärtnern" erzählte eine eher ernsthafte Geschichte mit letztlich doch recht überraschendem Ende. In dem hier vorliegenden 46. Fall fehlt die aus vergangenen Filmen wie "Tatort: Limbus" (Thema: Zwischenwelt) und "Tatort: Propheteus" (Thema: Prepper und Reptiloiden) bekannte Absurdität vollkommen. Stattdessen gerät die Auflösung des ganzen – so viel sei an dieser Stelle verraten – zwar tragisch, aber doch eher gewöhnlich.
Immerhin: Die gegenseitige Kabbelei der ungleichen Hauptfiguren ist glücklicherweise geblieben. So kommt es, dass der wie immer herrlich eitle Professor in einer Szene stark bezweifelt, dass die doch eher zierliche Tatverdächtige den Anwalt hätte über die Brüstung stoßen können. Dass Wut einen mitunter über die eigene Körpergröße hinauswachsen lässt, beweist sogleich Assistentin Silke Haller (ChrisTine Urspruch) eindrucksvoll in der wohl besten Szene des ganzen Films.
Bei der Erstaustrahlung am 15. Dezember 2024 schalteten 11,52 Millionen Menschen beim "Tatort: Man lebt nur zweimal" ein. Mit der Wiederholung des Falls startet die diesjährige Sommerpause der ARD-Sonntagskrimis. Und die war noch nie so lang: Erst Mitte September geht es mit neuen "Tatort"- und "Polizeiruf 110"-Folgen weiter.
Tatort: Man stirbt nur zweimal – So. 10.05. – ARD: 20.15 Uhr