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Die Medienkolumne: Das ARD-Vorabend-Desaster

Erst floppte Bruce Darnells "Styling-Show", dann folgte eine schaumgebremste Kuppelei, die aber nun auch schon wieder abgesetzt wurde - der Sendeplatz am Vorabend zwischen 18.55 und 19.20 Uhr scheint der ARD nur und immer wieder Ärger zu bereiten. Was ist da los?

Von Bernd Gäbler

Juhuu, da ist sie wieder: "Lolle" in der Serie "Berlin, Berlin". Mit einem ordentlichen Drehbuch als Basis wurde sie aufwändig produziert. Für die großäugige Hauptdarstellerin Felicitas Woll als "Lolle" war es der Durchbruch zu größeren Rollen. Schade nur: Mittlerweile ist die Wiederholung die dritte Ausstrahlung in der ARD. Zuvor schon haben die ARD-Verantwortlichen am Vorabend auch anderes wiederholt: Folgen des "Großstadtreviers" und die Serie "Sternenfänger", in der Oliver Pocher und Nora Tschirner als Jugendliche einst ihr darstellerisches Talent erprobten.

Das sind natürlich alles Notlösungen, weil das frisch Produzierte niemand sehen will. Der von ProSieben teuer abgeworbene ehemalige Dressman Bruce Darnell sollte in der ARD sein Profil weiterentwickeln, hin zu einem Pastor Fliege für die jugendliche Zielgruppe. Man musste kein TV-Fachmann sein, um zu ahnen, dass diese Operation schief gehen würde. Auf das "Styling" folgte "Dating": "Ich weiß, wer für Dich gut ist", hieß die brave Kuppelei, die aber erst recht kein junger Zuschauer sehen wollte. Gerade einmal 3,9 Prozent Marktanteil erreichte die Sendung in der werberelevanten Zielgruppe.

Der für das Chaos verantwortliche ARD-Programmdirektor Dr. Günter Struve wäre nicht er selbst, würde er nicht wenigstens noch ein wenig nachtreten. Was er einst als Erlösung anpries, bezeichnete er nun als "tralala, mit dem wir amateurhaft daherkommen." Ach so! Künftig wolle man am Vorabend "imagestarke Programme" senden. In Alltagssprache: Wenn es uns schon nicht gelingt, Zuschauer in relevanter Zahl zu gewinnen, soll wenigstens nicht auch noch das Image leiden. Darum gibt es ab Herbst die zweite Staffel von "Türkisch für Anfänger". Da gibt es wenigstens Preise für den Integrationswillen.

Warum ist der Vorabend-Sendeplatz so besonders?

Die ARD bestreitet ihre Nachmittage mit gelernten TV-Formen, außer den Zoo-Dokus sind das Serien und Soaps oder Telenovelas. Sie folgen aufeinander. Wer sie nie gesehen hat, könnte aus der Form eine Nähe zu RTL-Serien wie "Gute Zeiten, schlechte Zeiten" oder dem Sat1-Erfolg "Verliebt in Berlin" vermuten. Die Macher glauben dies wohl auch. Tatsächlich sind die Soaps der Privaten hauptsächlich fiktionalisierte Selbstverständigungen Heranwachsender. Es geht um Liebe und Betrug, Anziehung und Aufrichtigkeit. Sie sind durchdrungen von moralischen Direktiven wie der permanenten Aufforderung, über alles zu reden.

Die ARD-Soap "Marienhof" mag dem hier und da nahe kommen. Aber schon diese Serie, erst recht "Rote Rosen" sowie alle weiteren Seifenopern im Ersten sind de facto reine Rentnerprogramme. Am Abend vor der Tagesschau kommt dann der nette Herr Pilawa mit einem Quiz - wenn man so will der Günther Jauch der Zweiten Bundesliga. Dazwischen steckt dieser verfluchte Sendeplatz am Vorabend, der so viel Kopfzerbrechen bereitet. Er ist ein Scharnier zwischen den beiden Programmwelten: tagsüber und abends.

Die Werbung will junge Zuschauer

Man könnte einfach noch eine Serie senden, der Marktanteil bliebe vermutlich stabil. Das ginge - wenn da nicht noch eine deutsche öffentlich-rechtliche Besonderheit wäre: hier läuft nämlich Werbung. Hier kassieren ARD und ZDF zusätzlich zu ihrem Gebühreneinzug. Aber immer, wenn Werbung läuft, hat das Programm die Aufgabe, dieser die passende Zuschauerschaft zuzuführen. Die Werbeindustrie ist jugendfixiert, mindestens an einer Zielgruppe interessiert, die jünger ist als 50 Jahre. Die gibt es in der ARD aber nicht.

Tatsächlich ist die ARD heillos überaltert, hat jugendliche Zuschauer zwischen 14 und 30 Jahren weitgehend verloren. Nun will die ARD selber natürlich - schon aus Gründen der eigenen Stabilisierung - diese Klientel nicht einfach aufgeben. Sie weiß aber nicht, wie sie das anstellen soll und vor allem nicht: zu welchem Zweck! Da die Werbung ebenfalls die Jugend will, wird deren Zweck schlicht übernommen. Also kopiert man vornehmlich Formate und Sendungen, wie sie die Jugendlichen vom Privatfernsehen her kennen - und wundert sich dann, dass diese lieber die ungehemmten Originale sehen wollen. Wenn gebühren-finanziertes und privatwirtschaftlich-organisiertes Fernsehen tatsächlich zwei verschiedene Systeme mit unterschiedlichem Zweck sind, dann stoßen sie eben hier, am Vorabend, aufeinander. Nicht nur das Scharnier zum Abend hin quietscht, sondern auch das hin zur werbegetriebenen Jugendorientierung.

Öffentlich-rechtliche Angebote für die Jugend?

Ein riesiges Problem der ARD besteht darin, dass sie beides - das Ziel, jüngere Zuschauer zu gewinnen und Werbung - gar nicht mehr getrennt voneinander diskutiert. Sie versucht nichts Eigenes, denn Flops wären absehbar. Wenigstens mit ihren Hörfunkwellen wie Einslive, BremenVier oder N-Joy erreicht die ARD noch jüngere Hörer, vor dem ARD-Fernsehen flieht die Jugend. Sobald die ARD etwas Jugendliches versucht, verschreckt sie ihre Stammklientel. Eigene Sendungen wirken im öffentlich-rechtlichen Programmablauf - das ZDF hatte es zeitweise mit "Bravo TV" probiert - wie Fremdkörper. Also werden entweder Formate aus dem Reservoir der Privaten etwas gebremst übernommen oder Bestehendes wird so moderat aufgehübscht, dass keiner eine Veränderung spürt.

Vieles ist schon versucht worden und gescheitert: Junge Zuschauer bräuchten beispielsweise ruhige, ausführliche Nachrichtensendungen mit vielen Erklärungen - aber gucken würde sie nur eine kleine Gruppe Interessierter. Ein TV-Magazin mit dem Themenspektrum von "Neon" wäre denkbar - allein den Sendern wäre die Reichweite zu gering. So versucht die ARD einfach immer wieder mit den Mitteln der Konkurrenz jene zu locken, die sich doch längst von ihr abgewendet haben. Das Problem ist keineswegs trivial, aber sehr durchdacht wirkt der Weg zu einer Lösung nicht. Noch aber geben sich die Ratlosen selbstbewusst.