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Die Medienkolumne: Die Verdopplung der TV-Würstchen

Mit seiner spitzen Kritik an peinlichen TV-Formaten hat sich Oliver Kalkofe einen Namen gemacht. Doch in der vierten Staffel von "Kalkofes Mattscheibe" wird eines deutlich: Der Meister der Fernseh-Parodie muss aufpassen, dass er nicht selber zur Witzfigur wird.

Von Bernd Gäbler

Dienstags um 23:15 Uhr zeigt ProSieben nun die mittlerweile vierte Staffel von "Kalkofes Mattscheibe". Wie gewohnt spießt der deftige TV-Kritiker allerlei Peinlichkeiten des Mediums auf und parodiert die Protagonisten. Alles wie gehabt. Und das ist ein Problem. Während sich das Fernsehen rasend um sich selber dreht, in scheinbar immer kürzeren Zyklen Moden und Formate wechselt, bleibt "Kalkofes Mattscheibe" so wie sie war. Klassiker können sich das erlauben. Aber - bei aller Liebe - ein Klassiker ist Kalkofes Satire-Sendung keineswegs.

Sie wirkt nicht zeitlos gültig, sondern wie aus der Zeit gefallen: inaktuell, ein wenig von gestern. Immerhin ist es mittlerweile auch schon zwölf Jahre her, dass Oliver Kalkofe für das Format den Grimme-Preis erhielt. Vielleicht ist zwischen der Herstellung der Sendung und ihrer Ausstrahlung auch einfach nur zu viel Zeit verstrichen - wer jetzt noch Witze über Bruce Darnell reißt, die "Next Uri Geller Show" durch den Kakao zieht oder sich über die Insassen von "Big Brother" lustig macht, ist nicht ganz auf Ballhöhe.

Der Kritiker muss es nicht besser können

Wie ein störendes Nebengeräusch wirkt auch, dass Oliver Kalkofe mittlerweile selber in verschiedenen TV-Formaten präsent ist - leider häufig gerade in solchen, die er in seiner "Mattscheibe" auf die Hörner nehmen würde. Warum nur sitzt dieser intelligente Mensch und angenehme Gesprächspartner, der so schön bösartig sein kann und damit schon manche Talkshow zierte, bei so unsäglich blöden Panel-Shows mit am Tisch wie in "nochbesserwissen" (ProSieben), sogar wie in den 50er Jahren an der Seite eines menschlich gekleideten Affen?

Nun muss der Kritiker nicht besser können, was er tadelt - wie schon Lessing sagte - aber Lessing war eben doch neben seiner Arbeit als Theaterkritiker auch noch ein großartiger Stückeschreiber. Das kann nicht jeder. Würde Marcel Reich-Ranicki einen Liebesroman verfassen, alle Kritiker und Autoren würden hämisch über ihn herziehen. Das würde seine Literaturkritiken nicht schlechter machen, aber er tut gut daran, solch einen Roman nicht zu schreiben. Kalkofe hält es anders. Er macht im Fernsehen genau das, worüber er sich bei anderen beschwert. Das nimmt der spitzen Kritik doch einiges an Schwung.

Von Selbstkritik keine Spur

Wie selbstreferentiell das Fernsehen ist, zeigen die vielen Comedy-Sendungen, die fast ausschließlich aus TV-Parodien bestehen. So selbstbezüglich das Fernsehen ist, so wenig selbstkritisch ist es zugleich. Da kann eine parodistisch-kritische Sendung wie "Kalkofes Mattscheibe" nur gut tun. Kalkofe liest den Machern gerne die Leviten. In gelegentlichen Vorträgen oder Print-Kolumnen tut er dies mit drastischen Worten. Auch in "Kalkofes Mattscheibe" gibt es gelegentlich schön saftige Textpassagen.

Aber Oliver Kalkofe hat seine TV-Kritik so sehr in eine feste Kunstform gefasst, dass sie zu einem Element des Fernsehens selber geworden ist und trotz aller Drastik immer auch versöhnlich wirkt. Er ist eher ein Romantiker voller Sehnsucht nach schönem Fernsehen als ein Rezensent des bestehenden schlechten. Dies hat auch mit seiner Auswahl und seinem Verfahren zu tun. Fast keines seiner karikierten Beispiele besitzt eine ihm angemessene Fallhöhe. Keinen Harald Schmidt, keinen Hape Kerkeling, keinen Günther Jauch knüpft er sich vor. Lieber macht er sich über den offenkundigen Blödsinn her, traktiert die ohnehin fast Mitleid erregenden TV-Würstchen, präsentiert uns Fundstücke des Wahnsinns. So verdrängt Klamauk die Kritik.

Das ist seine Kunstform: Er selbst begibt sich mitten hinein in das gefundene Programm, schneidet sich in die Szenen als parodistische Verdopplung der kuriosen Protagonisten. So entstehen immer wieder auch hübsche Einzelstücke: Wenn in ungeheurem Quatsch plötzlich das Konzentrat erkennbar wird oder Schwachsinn bis zu seinem Sinn ins überdreht Absurde weitergetrieben wird. Allerdings ist das zu selten der Fall. Wenn er beispielsweise ausführlich den "Mentalisten" Vincent Raven nachspielt, bleibt er weitgehend bei simpler Verdopplung stehen. Das erweitert keine Räume und wirkt - statt zu entlarven - wie altersmüdes Kabarett für die Gemeinde der ohnehin schon Wissenden. Auch in der vierten Staffel blitzt Oliver Kalkofes Kunst und sein Gespür fürs Absurde auf. Aber wenn er sich selber treu bleiben will, dann bedarf es jetzt neuer Formen.

"Kalkofes Mattscheibe" läuft seit dem 24.06.2008 immer dienstags um 23.15 Uhr auf Pro Sieben.