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Die Medienkolumne: Rote Karte für elf Reporterklischees

Pünktlich zur neuen Bundesligasaison soll alles besser werden: von den Stadien über die Mannschaften bis zur Vereinsführung. Was aber ist mit den Reportern? Schön, wenn sie weniger selten sprachlich ausrutschen würden. Die elf schlimmsten Reporterphrasen.

Von Bernd Gäbler

Woher kommt das schlechte Deutsch der Fußballreporter? Will man nicht einfach böse sein, sondern ernsthaft das Phänomen untersuchen, warum gerade so viele Fußballreporter, denen doch so viele Menschen zuhören, so schlechtes Deutsch sprechen, stößt man auf drei Ursachen:

1. Ein Reporter will nicht einfach beschreiben, was zu sehen ist. Denn das sieht der TV-Zuschauer ja selber. Er will also über das unmittelbar zu sehende hinaus eine Situation analysieren - meist sogar eine, die sich dynamisch verändert. Um sich verständlich zu machen, greift er auf Muster zurück. Also sagt er zu einem ausgeglichenen Spiel, in dem beide Mannschaften stürmen, dessen Ausgang aber noch offen ist: "Es geht hin und her, rauf und runter." So wird aus dem Muster der Wahrnehmung ein Sprachklischee.

2. Der Fußballreporter soll nicht allein sachlich analysieren. Er soll und möchte Emotionen vermitteln, die Atmosphäre beschreiben. Dazu allerdings ist seine Beobachtung oft nicht präzise genug und reichen die sprachlichen Mittel nicht aus. Er sagt dann: "Die Stimmung ist unbeschreiblich." Da kann man nur sagen: Beruf verfehlt! Denn das wäre genau die Aufgabe.

3. Sie vertrauen einfach der Sprache nicht. Statt "Erfolg", "Neid" oder "Ansporn" zu sagen, pflegt der Fußballreporter eine kuriose Vorliebe für zusammengesetzte Substantive (s.u.). So sind auch Trainer nach einem Sieg nie rundum zufrieden, sondern mindestens "mehr als zufrieden".

4. Der Reporter möchte als kenntnisreicher Insider erscheinen. Er glaubt, es würde eine spezielle "Fußballsprache" geben. Durch abgestandene Redewendungen und Begriffe inszeniert er Zugehörigkeit.

Die elf roten Karten.

Als Minimal-Programm empfehlen wir allen Fußballreportern, wenigstens die folgenden elf verbalen Entgleisungen in Zukunft zu unterlassen.

1."Die La Ola Welle"

Ja, wenn es ganz hoch her geht im Stadion, dann erheben und setzten sich die Zuschauer so, dass im Resultat eine Welle entsteht, die durch das Stadionrund läuft. Meist feiert sich das Publikum dafür dann selber. Man muss nicht wissen, was "Ola" heißt, aber dass "La" ein Artikel ist, steht doch zu vermuten. Die Verdoppelung ist so lächerlich wie "das Eldorado" - oder es ist einfach Stottern.

2."Gänsehaut-Feeling"

Wenn gute Stimmung ins Pathetische schwappt, womöglich Hymnen gespielt werden, dann erinnert sich der Fußballreporter an sein letztes Bad in der zu kalten Ostsee: da standen zum Zähneklappern auf dem Unterarm die Härchen hoch. Ein bewegendes Bild ist das nicht. Darum wird das Gefühl auf englisch angehängt. Wie wäre es, wenn uns einfach mitgeteilt würde, was die Menschen tun: singen, weinen, sich umarmen?

3."Die Mannschaft ist noch nicht auf Betriebstemperatur" Der eigentlich ganz vernünftige ARD-Reporter Tom Bartels hat es beim Auftaktspiel am Freitagabend sogar geschafft, diese Phrase noch in der 85. Minute anzubringen. Er verortete eine zu geringe Betriebstemperatur bei einem Einwechselspieler. Was wollen uns die Reporter mit diesem eigenartigen Vergleich von Mensch und Maschine sagen? Haben sie genau beobachtet, dass das Aufwärmtraining unzureichend war?

4."Die Mannschaft ...sie wollten."

Schade. Wieder Tom Bartels, aber eigentlich alle. "Hansa Rostock - sie wollten sich offensiv präsentieren", kommentierte er in der "Sportschau". Dem Sportreporter mag es komisch erscheinen, aber es gibt in der deutschen Sprache Substantive im Singular, die trotzdem viele einzelne umfassen: "die Mannschaft" z.B. oder "der Verein". Es folgt dann auch ein Verb im Singular. Nur eben nicht bei Sportreportern - denen leuchtet das einfach nicht ein: es gehören doch so viele zur Mannschaft. 5."mit Köpfchen"

Es gibt Ausnahmen: Hält ein Stürmer wie zufällig seinen Schädel in die Flugbahn des Balles kann es sein, dass der Reporter tatsächlich auf diese Floskel verzichtet. Ansonsten sind Fußballreporter nahezu unisono hingerissen von der subtilen Doppeldeutigkeit dieser Formulierung: Ein Tor wird per Kopf erzielt und das war womöglich auch noch klug gespielt. Da gibt es kein Halten mehr.

6."Erfolgserlebnis"

Oft fehlt es den Stürmern und der Mannschaft, manchmal müssen beide lange Zeit darauf warten, aber sobald ein Tor fällt, ist es unbedingt mehr als einfach ein Erfolg. Denn dem Fußballreporter geht es stets auch um die emotionale Dimension, um das Ereignis als Erlebnis. Im ZDF-Sportstudio fehlte es einmal wieder Bernd Schneider von Bayer Leverkusen. Der stammt aus Jena - ist also ein "weißer Brasilianer".

7."den Vorsprung verwalten"

Das ist nicht Gutes und rächt sich meistens. So argwöhnen jedenfalls unsere Fußballreporter, obwohl die Statistik lehrt, dass viele Spiele mit 1:0 enden. Irgendwann wurde diese Bürokratie-Analogie modern. Warum? Vermutlich weil die Reporter sonst eine Spielsituation en detail beschreiben müssten, in der eine führende Mannschaft das Spiel kontrollieren und Risiken minimieren will. Gute Mannschaften können das.

8."den Sack zumachen"

Tja, überall auf dem Spielfeld stehen geöffnete Säcke herum. Am ersten Spieltag zum Beispiel in Frankfurt. Jedenfalls sichtete Reporterin Martina Knief sie dort während der ARD-Schlusskonferenz im Hörfunk. Meist bleibt der Sack geöffnet, wenn eine Mannschaft in Führung liegt, sie weiterhin überlegen spielt, aber ihre keine Tore mehr gelingen. Am Ende siegt sie dann - wie die Frankfurter Eintracht - mit 1:0. Ist der Sack dann noch geöffnet? Oder schliesst er sich automatisch mit dem Schlusspfiff?

9."Mund abputzen, weiterspielen"

Ganz ehrlich: Tom Bartels war zum Saisonauftakt gar nicht schlecht. Er hat das Spiel VfB Stuttgart gegen Schalke 04 gut kommentiert. Deswegen ist es ja gerade so blöd, dass auch er die standesübliche Phraseologie nicht einfach sein lässt. Es bleibt unerfindlich, warum jenen Spielern, die nicht zurückschauen sollen, nicht den Gedanken an das Vergangene nachhängen oder vergebenen Chancen nachtrauern sollen, zuvor unbedingt Mundhygiene empfohlen wird.

10. "150 Prozent geben"

Doch. Schwitzende Spieler dürfen so etwas schon einmal sagen. Sie wollen sich anstrengen; haben vor, sich stärker auszupowern als beim letzten Spiel; verlangen ja auch als Handgeld schon mal nicht nur ein Drittel, sondern mindestens ein Viertel der Ablösesumme; dann muss ihnen auch nicht stets bewusst sein, dass es ja eine hundertprozentige Leistung wäre, alles zu geben. Studierte Sportreporter aber müssen so einen Quatsch nicht mitmachen. 11."...auf die Euphoriebremse treten"

In diesem eigenartigen technischen Gerät, das zu betätigen meist Managern oder Trainern nach überraschenden Siegen vorbehalten ist, vereinigt sich der Wille des Sportreporters zu Maschinen-Analogien auf wunderbare Weise mit dem Drang zu zusammengesetzten Substantiven.

Sollte nun auch nur ein einziger Redaktionsleiter seinen Schutzbefohlenen empfehlen, sich diese elf roten Karten für die nächste Live-Reportage einmal als schwarze Liste beiseite zu legen, würde dies gewiss auch als Betätigen der Euphoriebremse ausgelegt. Denn die Reporter putzen sich gerade den Mund ab und wollen beim nächsten Mal 150 Prozent geben - mindestens!

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