"Dear England"
Die Narben des Gareth Southgate im Dienste Englands

  • von Eric Leimann
Nach dem preisgekrönten Theaterstück nun die BBC-Miniserie "Dear England": Englands Nationaltrainer Gareth Southgate (Joseph Fiennes, rechts) soll endlich Erfolge liefern. Er und sein Kapitän Harry Kane (Will Antenbring) haben ein enges Vertrauensverhältnis.
Nach dem preisgekrönten Theaterstück nun die BBC-Miniserie "Dear England": Englands Nationaltrainer Gareth Southgate (Joseph Fiennes, rechts) soll endlich Erfolge liefern. Er und sein Kapitän Harry Kane (Will Antenbring) haben ein enges Vertrauensverhältnis.
© ZDF/Olly Courtney

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Die verteilige BBC-Miniserie "Dear England" nach dem gleichnamigen Bühnenstück begleitet Nationaltrainer Gareth Southgate (Joseph Fiennes) durch vier Welt- und Europameisterschaften zwischen 2018 und 2024. Dabei geht es weniger um Sport als um Psychologie, Politik und nationale Identität.

Ein Theaterstück über einen vor kurzem noch im Amt befindlichen Nationaltrainer? Eines, das überschwängliches Lob und Kulturpreise abräumte – und danach zu einer starken Fernsehserie adaptiert wurde? "Dear England" ist eine Serie, die Netflix gerne produziert hätte. Die Rechteinhaber gaben sie jedoch – wohl aus nationalem Verantwortungsbewusstsein – an die BBC. All das gehört zur Geschichte von "Dear England". Eine Serie, die in knapp viermal 60 Minuten England-Trainer Gareth Southgate (Joseph Fiennes) durch vier große Turniere, Welt- und Europameisterschaften, zwischen 2018 und 2024 begleitet.

Dabei geht es weniger um Taktik und Sport als um Psychologie, Politik und nationale Identität. Kurz nach der Premiere bei der BBC im Mai läuft die Serie, für die Theaterautor James Graham auch das Drehbuch schrieb, bereits im deutschen Fernsehen. Premiere feiert der sehenswerte Vierteiler am Dienstag, 9. Juni, in der ZDF-Mediathek, ehe er dann am gleichen Abend ab 21.15 Uhr bei ZDFneo zu sehen ist. Im linearen Programm des ZDF läuft "Dear England" dann noch mal am Dienstag, 23. Juni, im Nachtprogramm. Passenderweise nach der Partie England gegen Ghana (Das Erste, 22 Uhr) bei der WM 2026.

"Dear England", dessen Titel auf einen öffentlichen Brief Southgates an die Nation anspielt, gewann bei den Laurence Olivier Awards den Preis für das "Beste neue Theaterstück". Im Juni 2023 fand die Uraufführung im National Theatre statt. Autor James Graham gilt als einer der renommiertesten britischen Gegenwartsdramatiker. Die Fußballszenen wurde im Theater durch eine Art Tanz-Choreografie in Szene gesetzt, während die Serie nun auf Originalaufnahmen aus den Europameisterschaften 2020 in England und 2024 in Deutschland sowie den beiden Weltmeisterschaften in Russland (2018) und Katar (2022) setzt.

Die Serie verlängert das Theaterstück bis zur EM 2024 in Deutschland

Die zentrale Rolle des Gareth Southgate spielte Joseph Fiennes, bekannt aus "Shakespeare in Love" und "The Handmaid's Tale". Seine Darstellung, die Gareth Southgate als nachdenklichen Mann guten Willens und Unterstützer der Spieler zeigt, wurde vielfach gelobt. Ein wenig skurril, aber konsequent durchgezogen ist die Besetzung der echten Fußballstars mit Schauspielern, die ihren Vorbildern mal mehr mal weniger ähneln. So macht man Bekanntschaft mit Harry Kane (Will Antenbring), Marcus Rashford (Edem-Ita Duke), Raheem Stirling (Francis Lovehall), Jordan Pickford (Josh Barrow) Bukayo Saka (Abdul Sessay), Harry Maguire (Adam Hugill), Jude Bellingham (Jacob Greenway), Jordan Henderson (David Shields) und Eric Dier (Hamish Frew).

Tatsächlich ist "Dear England" eine Mischung aus "The Crown" und "Ted Lasso" ohne Witze. Ersteres, weil in der Serie nicht nur Fußball, sondern auch Zeitgeschichte aus britischer Sicht verhandelt wird. Es geht um neue Männlichkeitsbilder, Rassismus, den Brexit und eine andere Herangehensweise an das Prinzip Leistung und Verantwortung. Ein wenig "Ted Lasso" spürt man in der Figur Gareth Southgates, den Fiennes als guten Menschen voller Zweifel, aber auch mit starkem Willen zeichnet. Während jener Mann, der im EM-Halbfinale im Juni 1996 den entscheidenden Elfmeter gegen den späteren Europameister Deutschland verballerte, selbst ein Leben lang mit jenem Moment haderte, wächst seine Persönlichkeit auch an dieser Erfahrung – was wiederum seine Philosophie als Trainer prägt.

Die Kritiken zur Serie fielen in Großbritannien teilweise euphorisch aus, und nur einige wenige kritisierten – auch ein bisschen zu Recht – den leicht didaktischen Tonfall der Serie. Neben Joseph Fiennes spielt noch die in Großbritannien sehr populäre Jodie Whittaker ("Broadchurch", "Dr. Who") die Rolle der Psychologin Pippa Grange, die Southgate für sein erstes Turnier in Russland 2018 ins Team holte. Während das Theaterstück nur bis zur WM in Katar reicht, nimmt die TV-Serie auch noch die EM in Deutschland 2024 mit. Gareth Southgate erklärte nach der 1:2-Niederlage gegen Spanien im Finale des Turniers 2024, dass dies sein letztes Spiel als England-Trainer gewesen sei. Er schrieb in seiner Abschiedserklärung: "It's time for change, and for a new chapter." Insofern wird es wohl keine zweite Staffel dieser Serie geben. Die englische Nationalmannschaft wird heute von Thomas Tuchel trainiert.

Dear England – Di. 23.06. – ZDF: 01.00 Uhr

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