Josef Gehrling hat ein Loch in der Stirn. Der Präsident des Bavaria-Bundes (in Hochform: Wolfang Fierek) wurde mit einem Bolzenschussgerät attackiert. Nun liegt er ausgerechnet am Tag des großen Produktköniginnen-Umzugs auf der Intensivstation und kämpft um sein Leben, während die Münchner Kripo im fiktiven Örtchen Gmeining nach seinem Angreifer fahndet – gesetzt den Fall, dass ein solcher denn überhaupt existiert. Wahrscheinlich, so nimmt man zunächst an, hat sich Gehrling die Verletzung selbst zugefügt. "Der bringt sich nicht auf seiner eigenen Veranstaltung um", zweifelt Leitmayr (Udo Wachtveitl), der den Braten im "Tatort: Königinnen" ebenso früh riecht wie sein Kollege Batic (Miroslav Nemec). Der Film aus dem Jahr 2023 wird nun im Rahmen der "Tatort"-Sommerpause im Ersten wiederholt.
Es ist ein schöner Krimi, den Rudi Gaul (Regie, "Tatort: Videobeweis") und Robert Löhr (Drehbuch, "Tatort: Mord unter Misteln") dem Münchner Team quasi auf den Leib geschneidert haben; einer, der mit besonders viel Menschlichkeit seitens der Kommissare daherkommt. Und trotzdem dürfte der Film dem ein oder anderen Zuschauer Bauchschmerzen bereiten. Schließlich handelt "Königinnen" nicht nur von Kürbis-, Wein- und Karpfenköniginnen, sondern auch von Machtmissbrauch, sexueller Belästigung und einer Gesellschaft, die auch Jahre nach dem Beginn der #MeToo-Debatte Täter schützt und Opfer im Stich lässt.
Ein Chauvinist der übelsten Sorte
Der wahre Bösewicht, daran lässt der Film bereits zu Beginn wenig Zweifel, ist der Verletzte selbst. Gehrling ist ein Chauvinist der übelsten Sorte: Er gafft, grapscht, macht anzügliche Bemerkungen und schreckt auch sonst vor keiner Schandtat zurück. Dutzende Produktköniginnen hat er im Laufe der Jahre belästigt oder gar zum Sex genötigt. Auch Sylvia (Veronica Ferres), der heutigen Organisatorin des Königinnentags, ist Gehrling einst nahekommen, als sie noch jünger und selbst Kissinger Rosenkönigin war. Trotzdem nimmt Sylvia ihren Kollegen in Schutz: "Die Mädchen wissen doch, worauf sie sich einlassen", erklärt sie Leitmayr. Die rote Linie, behauptet sie, werde "gerade ständig neu gezogen".
Dass es ein Leichtes ist, nicht übergriffig zu werden, beweisen Leitmayr, Batic und der jüngst zum Oberkommissar beförderte Kalli (Ferdinand Hofer) jedoch selbst den gesamten Film über: Während Kalli mit jeder Produktkönigin flirtet, die ihm begegnet, und Leitmayr Sylvia – mit Erlaubnis – in den Dirndl-Ausschnitt glotzt, verbringt Batic den Abend im Hotelzimmer der Zwiebelkönigin. Einfach nur, um mit ihr zu sprechen. Grenzen überschritten werden dabei keine.
Natürlich ist Batics abendliches Beisammensein mit Annelie (Daria Vivien Wolf), der Nördlinger Zwiebelmonarchin, kein Zufall. Schon früh klinkt sich die junge Frau in die Ermittlungen ein – als Polizeischülerin und Produktkönigin will sie helfen, den Fall aufzuklären. "Man muss eine Königin sein, um wie eine Königin denken zu können", argumentiert sie, und tatsächlich erweist sich Annelies beidseitige Expertise als Gewinn für die Kommissare.
Weißwurst-, Honig- oder Spargelkönigin: Wer ist schuldig?
Annelie ist es auch, die Batic und Leitmayr auf die Weißwurstkönigin (Bernadette Leopold), die Honigkönigin (Lilly Wiedemann) und die Spargelkönigin (Phenix Kühnert) aufmerksam macht. Sie sollen geplant haben, Gehrlings Machenschaften an die Öffentlichkeit zu bringen. Nun gilt es herauszufinden, ob sie dem Sittenstrolch auch den Viehbetäubungsapparat an den Kopf gehalten haben. Verdenken könnte es ihnen wohl niemand.
"Zugegeben: Es hat etwas Anachronistisches, Frauen in ein Dirndl zu stecken, ihnen einen Korb und ein Zepter in die Hand zu drücken und damit die Weißwurst zu bewerben", fasst Drehbuchautor Robert Löhr die Quintessenz des Produktmonarchie-Wahnsinns zusammen. Es sei "ein Spiel mit Mädchenträumen und Männertrieben", das man im 94. Münchner "Tatort" habe abbilden wollen. Dabei entstanden ist ein kluger und durchgehend spannender Film, der nicht zuletzt aufgrund der musikalischen Untermalung durch die Chiemgauer Band LaBrassBanda viel Freude beim Zuschauen bereitet.
München-"Tatort": So geht es weiter
Die Münchner Kult-Ermittler Batic und Leitmayr haben sich mittlerweile offiziell in den Ruhestand verabschiedet: Ihr abschließender "Tatort: Unvergänglich" war als Zweiteiler am Ostersonntag und Ostermontag zu sehen. Die Krimi-Reihe aus München wird künftig mit Ferdinand Hofer, der seit 2014 den Kriminaloberkommissar Kalli Hammermann verkörpert, und Carlo Ljubek als Kriminalhauptkommissar Nikola Buvak fortgesetzt.
Ein erster Film unter den Arbeitstiteln "Zwischenwelten" ist bereits abgedreht und soll noch 2026 zu sehen sein. Die Dreharbeiten zum zweiten Film unter dem Arbeitstitel "Der sichere Tod" fanden im Februar und März 2026 in Bayern statt. Den ersten neuen Sonntagskrimi nach der Sommerpause zeigt das Erste am Sonntag, 13. September, um 20.15 Uhr.
"Tatort: Königinnen" – So. 24.05. – ARD: 20.15 Uhr