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Doris Dörries "Klimawechsel": Östrogen-Opfer verlieren gegen Testosteron-Bolzen

Den Kampf um die Fernbedienung haben offensichtlich gestern die Männer für sich entschieden: Doris Dörries Doppelfolge zum Serienstart von "Klimawechsel" hatte wegen der Konkurrenz durch König Fußball wenig Zuschauer. Schade für das TV-Experiment über Psychowracks in den Wechseljahren.

Von Kathrin Buchner

Lediglich 3,57 Millionen Zuschauer schalteten ein bei "Klimawechsel", dem Start der Miniserie von Doris Dörrie über Schweißausbrüche, Hitzewallungen und Altersängste von Frauen in den besten Jahren. Das entspricht einem Marktanteil von elf Prozent und landet weit abgeschlagen von König Fußball: Das Champions-League-Spiel von Bayern München gegen Manchester United verfolgten im Gegensatz dazu gut elf Millionen Fernsehzuschauer.

Die Rechnung, dass Frauen über sich selbst lachen können, wenn Männer die Balljagd verfolgen, ging also nicht auf. Dabei hätte "Klimawechsel" das Zuschauen durchaus verdient: In poppigen Farben, teils mit Handkamera gedreht, und einem guten Gespür für Timing, Pointen, Details und vor allem einer hervorragenden Besetzung hat Regisseurin Dörrie ihre Miniserie über Frauen in den Wechseljahren gedreht. Den Kampf gegen schwindende Östrogene hat die Regisseurin in bitterböse Dialoge verpackt, in denen schonungslos offen Problemzonen ausgesprochen werden: "Die sieht unten aus wie ein ausgeleierte Unterhose", sagt Maren Kroymann als Dr. Evelyn Bach. Die Gynäkologin mit roter Perücke und viel Goldschmuck spritzt sich nicht nur selbst, sondern auch ihren Patientinnen Botox, lässt sich für ihren jungen Liebhaber die Brüste operieren und führt Vaginalstraffungen auf Kassenkosten durch.

Hormonrausch in Pubertät und Klimakterium

Die weiteren Serienheldinnen sind allesamt Lehrerinnen. Das ist besonders pikant, denn so wird die Problemzone ausgeweitet: Das von der Menopause geplagte weibliche Kollegium trifft auf Teenager im Hormonrausch, die sich wie Raubtiere in der Meute gebärden und vor denen rehscheue und leicht hysterische Erzieherinnen wie Cornelia Koch (Juliane Köhler) direkt auf die Therapiecouch flüchten. Da braucht es schon eine Löwenbändigerin wie Beate Busch (Ulrike Kriener), die sich im Tigerprint-Oberteil und mit Kasernenhof-Ton durchsetzt.

Wenn auch einige Szenen etwas überdreht anmuten und die Episoden anfangs eher abgehackt episodenartig aneinandergereiht sind, Dörries feine Beobachtungsgabe für menschliche Schwäche und Charaktere macht das schnell wett. Herausragend ist Andrea Sawatzki als frustrierte Mutter, die vom Stillen ständig müde ist, aber eigentlich nur für die Kunst lebt. Aber weil der nichtsnutzige Kindsvater lieber Matratzengymnastik mit seinen Kundinnen betreibt als mit Yogastunden anständig Geld zu verdienen, muss sie ignoranten Schüler die schönen Künste nahebringen. Wie ein Berserker tackert das verkappte Genie Plastikwindeln auf eine Leinwand. Mit derb-bayerischem Akzent, Hornbrille, straßenköterblonder Ponyfrisur und einer Pelzmütze, mit der sie sich gegen die Ignoranz der Umwelt abschottet, gleicht Sawatzki so gar nicht der immer leicht abgespacet wirkenden "Tatort"-Kommissarin, sondern hat frappierende Ähnlichkeit mit einigen Kunstkäuzen an Deutschlands Schulen.

Wie wenig das Thema der schwindenden Jugend und Schönheit Männer beeindruckt, zeigt eine einzige Szene: Es tue so weh, alt zu werden, sagt Lehrerin Busch zu ihrem Gatten. "Aber nur, wenn man darüber nachdenkt", erwidert der und schaut noch nicht mal vom Computer hoch, als sie zum Hormonyoga abdampft.

Man kann der Serie nur wünschen, dass sich heute Abend, wenn der nächste Teil ab 21 Uhr im ZDF läuft, die Frauen zumindest die Macht an der Fernbedienung zurückerobern und die Quote steigt. Denn ansonsten wird solch TV-Experiment jenseits von Pilcher-Romantik und Traumschiff-Schmonzette künftig kaum jemand mehr wagen.