HOME

Stern Logo DSDS - Deutschland sucht den Superstar

"DSDS": Mit Bling-Bling ins Bierzelt

Man kann über die 80er denken, was man will - einen solchen Abgesang haben sie nicht verdient. Die vierte "DSDS"-Mottoshow feierte die Helden des Jahrzehnts mit vielen falschen Tönen. Vor allem aber einen Mann, der die 80er angeblich erfunden hat.

Von Mark Stöhr

War das wieder schön. Kandidaten, die wissen, was sie singen. Ein Publikum, das freundlich applaudiert. Und eine Jury, die Mut macht und keinen Mumpitz. War das wieder schön - am Freitagabend in der ARD. "Unser Star für Oslo" hat den verhunzten Casting-Gedanken wieder denkbar gemacht. Und kürte am Ende eine Siegerin, die ihre eigene Marke ist. Was hätte Lena Meyer-Landrut wohl zu hören bekommen, wenn sie vor das Pult der Scharfrichter von "DSDS" getreten wäre? Von Nina Eichinger wohl: "Du bist echt ein süßes Mädel, aber das hier ist nichts für dich." Von Volker Neumüller: "Wir suchen ein Gesamtpaket, und du bestehst nur aus einzelnen Komponenten." Und Dieter Bohlen? Der hätte kurz auf seinen Sprüche-Spickzettel gelinst und dann gesagt: "Wenn sich mein Hamster morgens streckt, bewegt er sich besser als du."

Von der Beschaulichkeit zurück ins Bierzelt. Dorthin, wo die Lauten den Ton angeben und sich um die besten Plätze streiten. Wo man sich aufs Maul haut oder sich das Maul zerreißt. Der Boulevard war wieder voll mit privaten Eskapaden der "DSDS"-Kandidaten, die ihr Leben der Öffentlichkeit vor die Füße werfen, im verzweifelten Ringen um Anerkennung und Aufstieg. Der größte Aufreger unter der Woche: der angebliche Zoff zwischen Mehrzad und Menowin. Eine Geschichte um Neid und Privilegien, wie man las. Gestern Abend folgte die Versöhnungsinszenierung. Bohlen zu Mehrzad: "Du bist der Ältere von euch beiden, reich' ihm die Hand." Mehrzad zu Bohlen: "Die Sache ist geklärt. Wir sind Männer und haben uns zusammengesetzt." Bei "DSDS" sind die Männer Macker und die Frauen vor allem: geschminkt.

Bohlen, der Erfinder der 80er?

In diese Welt der gesellschaftlichen Steinzeit passt eine 80er-Jahre-Mottoshow. Kein Dorf-DJ traut sich mehr an dieses restlos kaputt gespielte Genre. Bohlen ließ sich als Ikone der Dekade feiern, gar als "Mann, der die 80er erfunden hat". Bis heute stilbildende Bands wie The Smiths oder The Cure würden sich für die Patenschaft des musikalischen Kleinhirns aus Tötensen bedanken. "Die 80er waren eine geile Zeit irgendwie", fiel Bohlen zu dem Thema ein, "damals gab es tolle Melodien." Er meinte damit auch seine eigenen Kompositionen, ganz frei von Selbstironie. Zum Beweis, dass "Modern Talking" auch heute noch Kult sind, hatte RTL einen Einspieler gebastelt: Bohlen Ende 2009 bei einem Auftritt in Moskau vor ein paar tausend besoffenen Russen, Vollplayback, versteht sich. Live tat er sich schon zu seiner aktiven Zeit eher schwer.

Das immerhin hat er mit dem Großteil der Kandidaten gemeinsam. Die versägten wieder, was es zu versägen gab. Allen voran Kim Debkowski. Die leierte in den hohen Lagen von "Eternal Flames" der Bangles dermaßen, dass Bohlen einen temporären Hörsturz erlitt ("Du hast ziemlich gut gesungen"). Ein Sonderlob bekam die 17-Jährige für ihren optischen Overkill, eine Maskerade, mit der man andernorts die Wintergeister verjagt. Eichinger: "Das war Bling-Bling." Weniger einverstanden war die Jury dagegen mit dem Outfit von Helmut Orosz. "Ich seh‘ in dir eher einen jungen Bruce Springsteen", sagte Bohlen, "einen frechen Typen mit abgewanzten Stiefeln und keinen Animateur im Robinson Club." Doch genau dort gehört der Provinz-Gigolo hin.

Was hätte Stefan Raab gesagt?

Es war eine späte Rache an den 80ern. Manuel Hoffmann brachte die Münchener Freiheit endgültig unter die Erde, Ines Redjeb präsentierte eine Madonna unter Valium. Das sahen die Zuschauer genauso und wählten die 22-Jährige raus. Was sie jedoch an Thomas Karaoglan finden, bleibt ihr ewiges Geheimnis. Der kleine Duisburger ist nicht lustig, nur laut. Er krakeelte "YMCA" von den Village People mit einer homophoben Hohlheit, wie man sie heutzutage nur noch in Fußballstadien antrifft. Zumindest erzählte er eine nette Anekdote. Seine Oma hatte bei einer Autogrammstunde solches Mitleid mit den kreischenden Teenagern, dass sie seine Handynummer verteilte. Das Ergebnis: 3500 Anrufe in Abwesenheit.

Von den verbliebenen sieben Kandidaten machten einzig Mehrzad Marashi und Menowin Fröhlich ihre Sache ordentlich. Fröhlich mit seiner gelungenen Interpretation von Michael Jacksons "Billie Jean" sogar noch mehr als das. Doch was hätte Stefan Raab bei "Unser Star für Oslo" wohl zum dem Auftritt des 22-Jährigen gesagt? Wahrscheinlich ein höfliches "Du weißt dich zu bewegen". Was er eigentlich damit meinte: Du kommst niemals bis nach Oslo, höchstens bis Köln-Ossendorf.