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"DSDS": Nervenschlacht der Casting-Kids

Beim ersten Recall werden an einem Wochenende aus 120 Kandidaten 35, es ist ein brutales Aussieben. Das führt zu ausgewachsenen Zickenkriegen, Total-Aussetzern und Hormonschüben. Ein Kandidat flehte und bettelte ums Weiterkommen - und wurde erhört.

Von Björn Erichsen

Ein solches Jammern und Winseln hat man bei "DSDS" seit Küblböck nicht mehr gehört: Kandidat Malcolm hatte seinen ersten Recall-Auftritt gründlich versaut, und versuchte nun alles, um noch irgendwie Gehör bei der Jury zu finden. "Ich habe so viel Stimmvolumen, es lohnt sich so sehr wenn ich weiterkomme", brabbelte der schmächtige Halb-Nigerianer mit dem Oberlippenbart, bis Bohlen ihn endlich wegschickte. Doch als alle nur noch in die Pause wollten, schnappte er sich noch mal das Mirko und fing einfach an zu singen. Lange, laut, völlig unbeirrt. Und siehe da, er schaffte den ersten Casting-Tag. Ein bisschen peinlich sei der Auftritt ja schon gewesen, fand er hinterher auch selbst, was soll's, "hier kämpft schließlich jeder für seinen eigenen Arsch."

Das beschreibt den Charakter so eines Recalls recht genau: Nach dem Schaulaufen der komplett Talentfreien, bei denen auch der letzte Pipi-Fleck entdeckt und vorgeführt wurde, wird in der Zwischenrunde der Druck erhöht: Die verbliebenen 120 Kandidaten verbringen ein Wochenende im Kölner Studio und wissen, dass am Ende nur 35 übrig bleiben werden. "Die oder ich" ist die Regel, beim großen Aussieben ist sich jeder selbst der Nächste. Da der Recall auch traditionell der Zeitpunkt für einen kleinen Quoten-Knacks bei DSDS ist, drehte Bohlen noch mal an der Leistungsschraube: "Ich erwarte das Beste, was ihr drauf habt. Verkauft euch optimal, langweilt mich nicht und auch nicht die Zuschauer."

Casting-Kids am Rande des Nervenzusammenbruchs

Die sehen vor allem einmal einen Haufen Casting-Kids am Rande des Nervenzusammenbruchs: Immer wieder fährt die Kamera durch Häufchen übermüdeter Teenager, die Füße wund von den High Heels, bleich vor Aufregung, die Augen rot geweint. "Es ist die Angst, im wichtigsten Moment des Lebens zu versagen", erklärt die Stimme aus dem Off das Offensichtliche. Als Zuschauer greift man da eher noch mal in die Chipstüte und bereitet sich auf das große Scheitern vor. Das ist kein Fremdschämen mehr wie im Casting, eher eine spontane Form von Kurzzeit-Anteilnahme: Eben noch diese riesige Hoffnung, im Recall nicht völlig unberechtigt, dann das schockgefrorene Kandidatengesicht, wenn Bohlen den Song wie in der Gong-Show schon nach ein paar Takten abwürgt.

Allerdings fördern solche Drucksituationen nicht unbedingt die besten menschlichen Eigenschaften zutage, zumindest nicht bei Valeria, Olga, Andrea und Zemine. Die vier aufgedrehten Teenager verwandelten ihre Gruppenarbeit in einem mehrstündigen Zickenkrieg ("Nur mit Titten zeigen, kommt man auch nicht weiter"). Sie bekamen noch nicht einmal eine gemeinsame Probe hin, mal fönte sich eine zu lange die Haare, mal trafen sich drei der vier Mädchen heimlich. So klang dann auch ihre Rihanna-Interpretation, und es wurde noch grausamer: Am Ende kam nur Zelime weiter und jubelte so verhalten es eben ging inmitten der Verliererzicken, die da standen, in bunten Kleidchen, mit tiefem Dekolletee, aber heulend wie die Schoßhunde.

Langer Kuss und brauchbares Duett

Dass ein bisschen Kooperation auch im Haifischbecken möglich ist, zumindest auf hormoneller Basis, bewiesen Eugen und Sarah: Trotz ihres festen Freundes baggerte er sie konsequent an, sie turtelte irgendwann zurück ("Er gibt mir Sicherheit"). Am Ende sprang nicht nur ein etwas zu langer Kuss heraus, sondern auch ein brauchbares Duett. Für den flehenden Malcom war dagegen am zweiten Tag Schluss: Er hatte mit seiner Einzelmeinung - er sei der beste Sänger von allen - die gesamte Gruppe gegen sich aufgebracht. Auf seinen stimmlichen Vollabsturz folgte eine intensiver Pöbelei auf der Bühne und die Rote Karte von Bohlen. Da rettete ihm auch keine stressbedingte Bettelei mehr das Hinterteil.

Nach einem langen Castingwochenende stehen die 35 Kandidaten fest, ausgewählt aus fast 35.000. Sie fliegen, das hat sich RTL neu einfallen lassen, für die nächste Recall-Runde in die Dominikanische Republik. Nachbarland Haiti, mit all seinem Leid, wird im Trailer mit keinem Wort erwähnt, die Recall-Aufnahmen stammen von Ende November 2009, ein paar Wochen vor dem großen Beben. Dafür werden die Zuschauer mit badenden Superstar-Anwärtern gelockt und zwei Bikini-Kandidatinnen, die sich am Traumstrand kräftig angiften. Aber Bohlen hatte ihnen ja noch mit auf den Weg gegeben, dass es keine Vergnügungsreise in die Karibik wird, und sie immer dran denken sollen, dass sie Konkurrenten sind. Und Konkurrenz, das weiß der Chefjuror natürlich, belebt ja immer das Geschäft.

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