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Survivalguide für Castingshow-Kandidaten: Denn sie wissen, was sie tun - oder?

Dass in Castingshows manipuliert wird, wissen die Kandidaten, behauptet RTL-Unterhaltungschef Tom Sänger. Tatsächlich? stern.de fasst zusammen, was hinter den Kulissen wirklich passiert.

Von Tina Olszewski

Wer sich als Kandidat für Castingshows im privaten Fernsehen bewirbt, muss wissen, auf was er sich einlässt. Dieser Ansicht ist zumindest Tom Sänger, Unterhaltungschef von RTL und damit zuständig für Deutschlands erfolgreichste Castingshows wie "Deutschland sucht den Superstar (DSDS)" und "Das Supertalent". Fast 35.000 Menschen haben sich für "DSDS" beworben, wollen ihren Traum vom Superstardasein verwirklichen. Doch wissen Sie wirklich, was sie da tun? stern.de fasst die gängigen Mechanismen zusammen, mit denen getrickst, manipuliert und die Wahrheit verfälscht wird.

Die Bewerbung

Sie glauben, Sie haben Talent? Sie möchten der Welt beweisen, dass Sie das Zeug zum Star haben? Bei einer Castingshow? Überlegen Sie sich gut, was Sie da tun. Denn mit den Rechten an Bild und Ton ist es jetzt vorbei. Auch wenn Ihnen Ihr Auftritt nicht gefällt - er könnte schon bald im Internet stehen. Sie haben sämtliche Rechte an Ihren Aufnahmen abgegeben. Die Macher von RTL können das Material zerschneiden, beliebig neu zusammenfügen und weiterverbreiten. Aber das wussten Sie ja, diese Bedingungen finden Sie schriftlich fixiert im "DSDS"-Bewerbungsbogen unter Punkt fünf:
Ich bin mir bewusst, dass ich während der/des Castings und im Umfeld der/des Castings (Vorbereitung, Nachbereitung etc.) von Kameras aufgezeichnet werde und sämtliche Aufzeichnungen ganz oder teilweise u. a. im Fernsehen und gegebenenfalls im Internet uneingeschränkt ausgestrahlt werden. Ich übertrage dem Produzenten unentgeltlich, exklusiv und uneingeschränkt sämtliche im Zusammenhang mit meinen Leistungen und Werken bei mir entstandenen und/oder entstehenden urheberrechtlichen Nutzungs- und Leistungsschutz- und sonstigen Rechte. Der Produzent ist berechtigt, die entsprechenden Rechte uneingeschränkt zu nutzen und Dritten einzuräumen. Diese Rechteeinräumung gilt auch für begleitende Presseveröffentlichungen, Promotionmaßnahmen und Merchandisingzwecke.

Das Casting

Die Redakteure wollen während der Aufzeichnung Ihres Castings einen extra Einspieler über Sie drehen? Diese besondere Aufmerksamkeit bedeutet nicht unbedingt, dass man Sie für besonders begabt hält, ganz im Gegenteil. Betrachten wir den Fall Julia S.: Die Studentin war bereit, sich vor laufender Kamera lasziv die Lippen zu lecken, obwohl sie optisch eher in die Kategorie "graue Maus" passt und nicht gerade wie die geborene Sexbombe rüberkommt. "Natürlich habe ich Schamgrenzen, aber die halten sich auch in Grenzen", sagte die Studentin keck in die Kamera, lüpfte selbstbewusst das T-Shirt und zog blank. Unvorteilhafte Kameraführung und permanente Wiederholungen in Zeitlupe, wie sich Julia die Lippen leckt, untermalt mit dem Song "Hey sexy Lady", - super Beitrag, echt lustig und echt peinlich.

Aber dass Sie nicht im besten Licht gezeigt werden, das wussten Sie natürlich. Denn schließlich hat RTL-Unterhaltungschef Tom Sänger ganz deutlich erklärt: "Für RTL ist die redaktionelle Nachbearbeitung der Show 'Deutschland sucht den Superstar' ein legitimes Mittel zur dramaturgischen Zuspitzung. 'DSDS' ist im Kern eine Symbiose aus Neugierde und Freude an der Selbstdarstellung, aus Exhibitionismus und Voyeurismus. (...) Und die, die sich zur Schau stellen, also die Kandidaten, sind sich dessen, was sie da tun, voll bewusst."

Die Musik

Sie möchten im Interview erklären, dass Musik ihr Leben ist. Die Redakteure interessiert das nicht. Dafür erkundigen sie sich besorgt nach schweren Schicksalsschlägen. Das ist nett, oder nicht? Quatsch, Sie sind ein alter Showhase. Ihnen macht man so schnell nichts vor. Schließlich haben Sie das Interview mit Ex-"Popstars" Jurymitglied Sido gelesen, in dem er erklärt: "Ich dachte, es geht um Musik. Es geht aber darum, wessen Mutter Krebs hat. Wir wurden angehalten, jeden rauszuschmeißen, bei dem nichts Schlimmes los war." That’s Showbusiness! Also, immer raus mit den guten Geschichten!

Der Sender braucht Geld. Und darum geht es ja. Das wissen Sie, seit Sie das Buch von "Star Search"-Gewinner Martin Kesici und "Popstars"-Gewinner Markus Grimm ("Sex, Drugs & Castingshows – die Wahrheit über DSDS, Popstars und Co", Riva Verlag) verschlungen haben. Darin schildern die beiden, wie es hinter den Kulissen der Shows zugeht. Markus Grimm: "Würde es die (Geschichten über die Kandidaten) nicht geben, könnte die Quote sinken. Ist die Quote aber im Keller, wird die Sendung abgesetzt (...). Ohne Show keine Werbung und ohne Werbung kein Geld (...), deswegen setzen die natürlich alles daran, die Show so interessant und quotenmäßig erfolgreich wie möglich zu gestalten." Ja, so funktioniert die Jagd nach Quoten eben.

Der Auftritt

Sie haben alle Hürden genommen? Wir gratulieren! Jetzt dürfen Sie Dieter Bohlen gegenübertreten. Aber nicht zu nah ran. Denn laut "DSDS"-Kandidatin Meike Büttner, die in der Berliner Boulevardzeitung "BZ" ein "DSDS"-Tagebuch führt, darf die Kamera nicht näher als 170 Zentimeter an Bohlen heranzoomen, Weitwinkel und Nahaufnahmen ist absolut Tabu, sonst könnte man ja Falten unter der glatten Oberfläche entdecken.

Nachdem Sie sich vorgestellt haben, kann es losgehen. Es läuft super. Sie bekommen den Zettel für den Recall. Seien Sie aber bitte nicht überrascht, wenn Sie später ihren Auftritt im Fernsehen sehen und von Dieter plötzlich Sprüche hören, die er gar nicht zu Ihnen gesagt hat. So erging es Marcel F., dem Kandidaten mit dem Pinkelfleck auf der Hose. In der Show entstand der Eindruck, dass Dieter Bohlen zu ihm sagt: "Lieber Cholera auf dem Pipimann als deine Stimme." Dabei galt der Spruch einem anderen Teilnehmer. Macht aber nichts. Denn RTL-Pressesprecherin Anke Eickmeyer hat ja erklärt: "Natürlich wird das Rohmaterial von Kandidaten-Auftritten für die Sendung auch bearbeitet, jedoch ohne das grundsätzliche Juryurteil über die Qualität der Stimme dabei inhaltlich zu verändern." Und Tom Sänger sagt: "Fernsehen ist vom Moment des ersten Schnitts und einer redaktionellen Auswahl immer bearbeitet. Das ist schlicht TV-Realität in vielen Programmgenres und nicht wirklich von uns erfunden." Im Klartext: Kameraeinstellung, Schnitt, Vertonung und kleine Trickfilmanimationen sind die Mittel, mit denen die Beiträge der Sänger nicht nur aufgepeppt, sondern auch verfälscht werden. Bitte schön, das weiß nun wirklich jedes Kind.

Die Jury

Mist. Sie sind ausgeschieden. Obwohl Sie echt was auf dem Kasten haben und die Jury Sie immer gelobt hat. Aber Sie wundern sich nicht wirklich darüber, oder? Denn schon vor Jahren verriet Ex-"Popstars"-Jurymitglied aus der zweiten Staffel, Noah Snow, im Interview: "Ich saß am Jurytisch und mir wurde ein Zettel hingelegt, auf dem stand, wen ich als Jurymitglied nicht mehr gut finde und wen die Jury dabei haben möchte. Mir wurde schlecht. Ich schämte mich." Keine Angst. Heute soll es bei "Popstars" moderner zugehen. So verrät Sido, der in der siebten Staffel in der Jury saß: "Im Studio gibt's eine Ampel, die der Zuschauer und die Kandidaten nicht sehen können - nur die Jury! Wenn jemand vorne stand und vorsang, wurde uns von den Machern der Show damit signalisiert, wer weiterkommen soll und wer nicht."

Seien Sie nicht traurig. Sie können es ja nächstes Jahr noch mal versuchen. Genau wie Kevin R., der auch gerade zum zweiten Mal sein Glück versucht. Denn Kevin ist davon überzeugt: "'DSDS' ist für mich eine extrem große Chance."