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Festnahme in Freiburg ignoriert So begründet der Chefredakteur die Entscheidung der "Tagesschau"

Nahe des Tatorts an der Freiburger Dreisam haben Trauernde Kerzen abgestellt
Eine Freiburger Studentin wurde am Ufer der Dreisam gefunden, jetzt gibt es eine Anklage
© Patrick Seeger/DPA
Weil die "Tagesschau" in ihrer Samstags-Sendung nicht über den Fahndungserfolg im Fall der getöteten Studentin aus Freiburg berichtet hatte, hagelte es Kritik. In einem Blog nimmt Chefredakteur Kai Gniffke nun zu den Vorwürfen persönlich Stellung.

Nach wochenlangen Ermittlungen hat die Freiburger Polizei am vergangenen Samstag endlich einen Fahndungserfolg im Fall der getöteten Freiburger Studentin Maria L. vermeldet. Ein Haar am Tatort hat die Ermittler demnach zum mutmaßlichen Täter geführt - es handelt sich um einen 17-jährigen Flüchtling aus Afghanistan.

Eine Meldung, die vor allem in den sozialen Medien zu heftigen Reaktionen führte. Eine Meldung auch, die es rasch auf alle relevanten Nachrichtenseiten schaffte, aber nicht in die Sendungen der Tagesschau. Für ihre Entscheidung, nicht über die Aufklärung des Falles zu berichten, wurde die Sendung anschließend vor verschiedenen Seiten scharf kritisiert.

Chefredakteur Kai Gniffke nahm die Reaktionen so ernst, dass er am Sonntagabend eine persönliche Stellungnahme auf dem Blog der "Tagesschau" veröffentlichte. "Mir fällt es unendlich schwer, jetzt quasi technokratisch zu erklären, nach welchen Nachrichtenkriterien wir diesen Fall bewertet haben", schreibt er. "Denn es geht um ein Menschenleben. Was müssen die Eltern, Angehörigen und Freunde des Opfers denken, wenn wir durchdeklinieren, warum es der Tod ihrer Tochter nicht in die Tagesschau geschafft hat. Aber es ist ein wichtiges journalistisches Thema. Deshalb will ich es versuchen."

Tagesschau: "Wir berichten nur sehr selten über einzelne Kriminalfälle"

Dann versucht er zu erklären, nach welchen Kriterien seine Sendung arbeitet. "Die Redakteurinnen und Redakteure bei der Tagesschau sind nicht gefühllos. Aber wir berichten nur sehr selten über einzelne Kriminalfälle." Es gebe andere Medien, die sich auf solche Fälle spezialisiert hätten und ausführlich darüber berichteten. "Die Tagesschau berichtet über gesellschaftlich, national und international relevante Ereignisse. Da zählt ein Mordfall nicht dazu." Zwar sei die Entwicklung von Verbrechen ein wichtiges Thema. "Aber wir können und wir wollen nicht über jeden der circa 300 Mordfälle pro Jahr berichten."

Deshalb habe man in den vergangenen Tagen geprüft, ob sich der Freiburger Fall von anderen Mordfällen abhebe. "Dies haben wir nicht so gesehen und deshalb den Tod der jungen Frau nicht gemeldet. Und genau aus demselben Grund haben wir auch gestern bei der Verhaftung des Tatverdächtigen diesen Maßstab nicht verschoben." Die Herkunft des 17-Jährigen habe damit nichts zu tun. Man habe kein Problem damit, gegebenenfalls auch die Herkunft von Tatverdächtigen zu nennen. Gniffke verweist auf die Vorfälle aus der Kölner Silvesternacht, wo man das von Anfang an getan habe.

Zum Fall Freiburg heißt es dann: "Hätten wir auch anders entscheiden können? Ja, hätten wir. Man hätte durchaus mit dem Gesprächswert dieses Mordfalls argumentieren können [...]. Da wir für die Tagesschau den Gesprächswert eines Themas aber etwas geringer gegenüber dem Kriterium der Relevanz gewichten, haben wir uns gegen den Mordfall in der Sendung entschieden. Bitte glauben Sie mir, dass ich mich schwer tue, bei einem Mordopfer von fehlender Relevanz zu sprechen. Das klingt zynisch. Der Gedanke, ein Mensch aus dem eigenen Umfeld könnte das Opfer sein, nimmt einem jeglichen Zynismus. Die Tagesschau-Redaktion empfindet wie alle anderen auch Mitgefühl. Das schließt aber nicht aus, dass wir nach unseren Kriterien Nachrichten machen, die ich versucht habe zu verdeutlichen."


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