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TV-Kritik "Geschickt eingefädelt": Guido und das toughere Schneiderlein

Guido Maria Kretschmer, Star-Designer und Frauenversteher Nummer 1, sucht jetzt Germany's next Nähtalent. Eine strenge Maßschneiderin stiehlt ihm dabei fast die Schau.

Von Simone Deckner

Modedesigner Guido Maria Kretschmer posiert vor einem Regal mit antiken Nähmaschinen

Guido Maria Kretschmers Sendung "Geschickt eingefädelt" basiert auf dem britischen Original "The Great British Sewing Bee"

Deutschlands schnuffeligster Star-Designer hat eine neue Sendung: "Geschickt eingefädelt" ist gottlob nicht halb so einfallslos wie es der abgedroschene Name befürchten lässt. Guido Maria Kretschmer ("Shopping Queen") sucht in dem Vox-Castingformat "das beste Nähtalent des Landes“.

Nach über den Laufsteg staksen, singen, tanzen, backen und durchgeknallte Ideen vor durchgeknallten Investoren präsentieren, verkauft der Privatsender nun also das Hantieren mit Nadel, Faden, Schere und Bügeleisen als den neuen heißen Scheiß.

Aber wieso auch nicht? Der Trend zum Selbermachen ist ungebrochen. Ehemals als hoffnungslos uncool verspottete Freizeitbeschäftigungen wie Stricken erleben bei hippen Großstädtern eine Renaissance. Und es gibt ein Vorbild: In England, dem Mutterland der zu kurzen Röcke, läuft seit 2013 sehr erfolgreich das Original "The Great British Sewing Bee". Dort gewann zuerst eine 81-Jährige.

"Ich habe so Angst vor Inge!"

Bei Guido gibt es keine geschickten Greisinnen, dafür eine Diplom-Biologin mit Regenbogenhaaren und Manga-Outfits, einen transpirierenden "Textil-Terroristen“ (O-Ton Guido Maria Kretschmer) und einen "Anarcho-Näher" aus Brandenburg, der alle seine Schneiderpuppen "Simone" nennt ("Ich weiß auch nicht, wieso."), um nur die auffälligsten Kandidaten zu nennen.

Dem Gewinner winkt nach sechs Wochen Auslese an Nadel und Zwirn ein Praktikum an der Pariser Modeschule, an der schon Yves Saint Laurent, Valentino und Karl Lagerfeld ihre Skizzen aufs Papier warfen. Doch zuvor müssen die Kandidaten in einem großzügig ausgestatteten Speicher in Berlin etwa olle Herrenhemden in "moderne Party-Tops upcyclen" oder einen "klassischen Bleistiftrock nach Schnittmuster herstellen".

Leichter gesagt als getan, wenn einem dabei die Vorsitzende des Bundesverbandes des Maßschneiderhandwerks an den Hacken klebt. Spätestens seit Ausstrahlung der ersten Folge ist klar: Strenge hat einen neuen Namen: Inge Szoltsik-Sparrer. Ein Name wie ein gespicktes Nadelkissen.

Hier nur eine kleine repräsentative Auswahl der gnadenlosen Inge-Kommentare:

- Das geht überhaupt gar nicht!

- Das sieht aus, als hätte sie das mit der Kreissäge zugeschnitten!

- Ein Satin verzeiht einem nichts!

- Das ist ein absolutes No-Go!

- Solche Zacken im Stepp möchte ich überhaupt nicht sehen!

- Ein Zeichen maßloser Selbstüberschätzung!

"Ich habe so Angst vor Inge", zitterte eine Kandidatin ehrfürchtig. "Der Frank hat bestimmt schon ein Inge-Trauma", sorgte sich Guido an anderer Stelle. Nur eine Kandidatin fand "die Inge so toll!" . Daran hielt sie auch noch fest, als diese ihr unmissverständlich zu verstehen gab, dass ihr vermeintliches "Party-Top" sie an eine "Tracht von Frau Antje aus Holland" erinnerte.

Währenddessen geriet die Twitter-Gemeinde schier außer sich vor Freude über die moderne Widergängerin von "Fräulein Rottenmeier" aus "Heidi". In der Tat: eine hervorragende Entscheidung, Zuchtmeisterin Gnadenlos als Gegenpol zum natursanften Guido Maria Kretschmer zu besetzen. Jury-Mitglied Nummer 3, Stoffdesignerin Anke Müller, blieb dagegen blass in ihrer "Ich finde diese Farbkombination wirklich toll"-Haftigkeit.

VOX spielt Bildungsfernsehen

Auf Guido war hingegen wie stets Verlass: "Nähen ist auch Vertrauen!" motivierte Kretschmer seine "kleinen Mäuse" gewohnt herzlich. Den eigenwilligen bis haarsträubenden Stil von Hobbyschneider Frank pries er als "mutig", während die strenge Inge sich kopfschüttelnd abwendete. "Buckel kommt auch irgendwann wieder in Mode" tröstete er eine andere Kandidatin, deren "Party-Top" irgendwie aus der Form geraten war.

Am Ende der ersten Folge flog dann wenig überraschend das Manga-Mädchen, weil ihr Bleistiftrock zwar schön bunt wie ihre Haare, aber auch krumm und schief war. Tränchen flossen - aber dann kam schnell der Guido und drückte und knuddelte und dann war alles wieder wie bei den Letztplatzierten bei "Shopping Queen": Hauptsache dabei sein, Hauptsache einmal den Guido treffen. Von einer Inge Szoltsik-Sparrer konnte ja niemand etwas ahnen ...

Ganz nebenbei erfüllt VOX mit "Geschickt eingefädelt" seinen nicht vorhandenen Bildungsauftrag, indem es "Nähen für Dummies" sendet. Und tatsächlich: Tweets wie "Ich muss unbedingt mit Nähen anfangen!" waren schon während der Ausstrahlung keine Seltenheit.

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