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Gottschalks "Musical-Showstar 2008": "Sie singt wie ein Vögeln"

Gottschalks "Musical-Showstar 2008" ist auf die Zielgerade eingebogen - und bleibt auch in der Live-Phase eine eher biedere öffentlich-rechtliche Unterhaltungsbemühung. Zum Glück war Rolando Villazón mit von der Partie und erfreute mit Leidenschaft und launiger Sprache.

Von Peter Luley

Es ist natürlich eine Grundsatzfrage, ob man es für nötig hält, sich neben Superstar-Suche (RTL), Topmodel-Casting (ProSieben) sowie Tarzan- und Jane-Kür (Sat.1) auch noch für die künftige Besetzung eines Rollschuh-Singspiels zu interessieren. Wer sie mit ja beantwortet, konnte gestern Zeuge werden, wie die ZDF-Ermittlungen in Sachen "Musical Showstar 2008" in die heiße Phase eintraten: Nach Vollendung des Casting-Vorgeplänkels ging in Köln die erste von drei Live-Shows über die Bühne, mit denen der Sender für die Jubiläumssaison des Bochumer Butterfahrt-Musicals "Starlight Express" ein neues Protagonisten-Paar sucht.

Moderator Thomas Gottschalk, der in der "Wetten, dass...?"-Sommerpause als eine Art Schirmherr der Veranstaltung fungiert, hatte in ein rötlich beleuchtetes Studio nach Ossendorf geladen, um zu gepflegten Orchester-Klängen aus den verbliebenen zehn Kandidaten zwei weitere auszusieben. Und während der zuletzt kokett sinnkriselnde Show-Titan in der mauen Vorselektion nur als Verleser gestanzter Off-Texte präsent war, sollte er - nach obligatorischer Cross-Promotion bei Kerner - den Top-Anwärtern nun einen möglichst großen Bahnhof bereiten.

Kein ganz leichtes Unterfangen, wie sich zeigte, schließlich war der Ablauf denkbar vorgezeichnet: Kandidat Kevin wird mittels herzigem Einspielfilmchen als "Kind des Ruhrgebiets" vorgestellt, das sein Talent von der Großmutter geerbt hat, singt "Tragedy" von den Bee Gees, empfängt die warmen Worte der Jury und geht ab. Nächster Einspieler, nächste Gesangs-Darbietung, nächstes Urteil. Und das ohne Werbepausen und Bohlen-Rüpeleien...

Weder Werbepausen noch Bohlen-Rüpeleien

So wie die vorgetragenen Evergreens aus "Saturday Night Fever", ""Grease", "Cats", "König der Löwen" und Co. sich zwischen Soul und Operette meist auf erträglichem Level bewegten, blieben die Einschätzungen der Experten Katja Ebstein, Uwe Kröger und Alexander Goebel erwartungsgemäß öffentlich-rechtlich brav.

Mehrheitlich wurde grotesk übersteigertes Lob gespendet ("ich liebe deine Körpersprache", "du bist mir mitten ins Herz gesprungen", "ich brenne mit dir"), selten gab es verklausulierte Kritik ("du kannst mehr strahlen") oder gar konkrete Bemängelungen ("die Mimik war eindimensional"). Den undotierten Preis für die gewundenste Formulierung des Abends gewann Katja Ebstein ("mit deiner Authentizität arbeitest du dich so poetisch unter meine Haut") - aber das war's auch schon an schaurig-schönem Unterhaltungswert.

Jury zu nett oder Kandidaten zu gut?

"Ich mach' mir im Moment etwas Sorgen", verkündete nach rund 50 Minuten Gottschalk, der ja nach eigenem Bekunden im Lauf der Jahre eine Sensorik für erhöhte Fernbedienungsnutzung beim TV-Publikum entwickelt hat und den Mangel an Drama spürte: "Entweder ist unsere Jury zu nett oder die Kandidaten sind zu gut. Keiner singt hier grottenschlecht, keiner hat abstehende Ohren, keiner will sich umoperieren lassen."

Esoterische Emphase bei Startenor

Immerhin: Um das Procedere ein wenig aufzulockern, hatte sich der Moderator Ute Lemper und Rolando Villazón als Dialog-Sparringspartner eingeladen - und gut daran getan. Insbesondere der mexikanische Startenor sorgte mit seiner unwiderstehlichen Leidenschaft für Musik und seinem launigen Trappatoni-Deutsch immer wieder für Lacher: Zunächst versicherte er mit leicht esoterischer Emphase, er habe beim vorangegangenen Coaching der Bewerber "wunderschöne Seelen" getroffen, "Menschen mit Licht", die ihn glücklich machten; später klang sein "coachen" zur allgemeinen Belustigung ein wenig nach "koksen".

Und schließlich bescheinigte Villazón der Kandidatin Anna-Maria aus Bernshausen, sie singe wie ein "Vögeln". Gottschalk - insgesamt zurückgenommen agierend - nahm solche belebenden Elemente dankbar auf: "Das ist das Deutsch des Kindes im 'Farbenspiel des Windes'", reimte er die Überleitung zur folgenden Nummer aus "Pocahontas" und seufzte glücklich: "Rolando, wir sind froh, dass wir dich haben."

Gottschalks entwaffnende Ehrlichkeit

Überhaupt gönnte sich der Conférencier einige Momente von entwaffnender Ehrlichkeit: "Sie haben's auch bald", verkündete er um 21.43 Uhr, kurz vorm regulären Beginn des "heute-journals", an die Zuschauer gerichtet. Eine halbe Stunde und einen vergleichsweise moderat inszenierten TED-Showdown später stand das Zuschauervotum tatsächlich fest: Kaj aus Solingen konnte als Fahrrad fahrender Travolta-Verschnitt mit "Sandy" nicht genügend Leute für sich mobilisieren, ebensowenig wie weiblicherseits die mit Hexenbesen angetretene Navina mit ihrem "Frei und schwerelos".

Fahrrad und Besen dürften die beiden behalten, erklärte Gottschalk leutselig und lieferte die Probanden "unbeschädigt" bei ihren im Publikum sitzenden Familien ab. Zweimal muss er noch ran, dann hat er's auch.