HOME

TV-Kritik "Günther Jauch" zu 70 Jahren Auschwitz: "Niemand hat gesagt: Es tut mir leid"

Eine 84-jährige und eine 93-jährige Holocaust-Überlebende blickten bei Günther Jauch zurück und nach vorn. Sie warnten angesichts von Terror und Antisemitismus: Beobachtet, was derzeit geschieht.

Von Simone Deckner

"Antwort an Putin – Nachgeben oder Härte zeigen?" Über diese Frage hat man am Sonntagabend bei Günther Jauch wieder diskutiert - und wieder ohne Antwort.

"Antwort an Putin – Nachgeben oder Härte zeigen?" Über diese Frage hat man am Sonntagabend bei Günther Jauch wieder diskutiert - und wieder ohne Antwort.

Am 27. Januar jährt sich die Befreiung von Auschwitz zum 70. Mal. Im größten Vernichtungslager der Nationalsozialisten wurden bis 1945 über 1,1 Millionen Juden ermordet.

Günther Jauch empfing anlässlich des historischen Datums die 93-jährige Margot Friedländer und die 84-jährige Eva Erben. Beide Jüdinnen haben den Holocaust überlebt. Beide sprechen als Zeitzeugen seit Jahren unermüdlich vor Schulklassen über das eigentlich Unsagbare, das ihnen widerfahren ist. Beide haben Bücher darüber geschrieben.

Komplettiert wurde die Runde durch Gerhard Wiese, dem letzten noch lebenden Staatsanwalt, der im ersten Auschwitz-Prozess von 1961-63 einige der Täter vor Gericht brachte. "Mein Leben mit Auschwitz – das Vermächtnis der letzten Überlebenden" lautete der Titel der Sendung.

"Wir haben nicht gewusst, was passiert“

Günther Jauch gibt den beiden Frauen dankenswerterweise viel Raum, widmet sich zuerst Eva Erben, die er seit zehn Jahren kennt und daher auch duzt, was anfangs etwas irritiert. Sie wurde als 11-Jährige nach Theresienstadt deportiert. Erben unterschätzte die Situation zunächst: "Mir war klar, das wird etwas Vorübergehendes, wir kommen zurück." Auch, als sie mit ihren Eltern später nach Auschwitz gebracht wird, bleibt sie hoffnungsvoll: "Wir waren naiv. Wir haben wirklich nicht gewusst, was dort passiert."

Doch an der Rampe werden sie selektiert, müssen sich nackt ausziehen, werden in nasse Kleider gesteckt. Erben sieht, wie jungen Müttern die Babies weggenommen werden, "angeblich um sie in ein Kinderheim zu bringen". Die Säuglinge wird sie später tot auf dem Boden liegen sehen. Eine Mutter wiegt nachts ihr imaginäres Kind im Arm. Am nächsten Morgen findet man sie tot. "Sie hatte sich in den elektrischen Zaun des Lagers geworfen".

Erst nach der Geburt ihrer eigenen Tochter erinnert sich Eva Erben wieder an das zuvor Verdrängte. Erbens eigene Mutter stirbt auf dem Todesmarsch, auf den sie die Nazis gemeinsam mit der Tochter kurz vor Kriegsende geschickt haben. Erst 34 Jahren später kann sie über diese Zeit sprechen.

Gern wieder in Berlin

Margot Friedländer, Jahrgang 1921, musste schon als Kind erleben, wie Vater, Mutter und Geschwister vor den Nazis flohen. Sie selbst versteckte sich über ein Jahr lang in Berlin im Untergrund. Während ihrer Flucht färbte sich Friedländer die Haare Henna und ließ sich sogar die Nase operieren, nur, um nicht jüdisch auszusehen: "Man hat nach allem gegriffen, was man sich denken konnte." 1944 entdeckten die Nazis sie und brachten sie nach Theresienstadt. Sie überlebte, emigrierte nach Amerika. Erst 1959 erfuhr sie, dass ihre Familie in Auschwitz ermordet worden war. Seit 2010 lebt Friedländer wieder in ihrer alten Heimat Berlin.

"Viele verstehen das nicht", sagt Jauch. "Wie kann ich diese Menschen verurteilen, die nichts damit zu tun haben?", entgegnet Friedländer. Sie sei "wunderbar aufgenommen worden" in Berlin, habe Freunde gefunden und "Menschen, die dankbar sind, dass ich zurückgekommen bin."

Günther Jauch fragt, ob sie wütend sei, wenn sie aktuelle Umfragen höre, wonach 20 Prozent der Unter-30-Jährigen heute nichts mehr Auschwitz anfangen können. "Ich versuche ihnen die Hand zu reichen und hoffe dass sie die Zeitzeugen sein werden, die wir nicht mehr lange sein können", so Friedländer, der man ihre 93 Jahre nicht im entferntesten ansieht oder -merkt.

Keiner sagte: „Es tut mir Leid“

Auch nach Kriegsende wollten viele Deutsche nichts von Auschwitz wissen. Darüber spricht Jauch mit Gerhard Wiese, der von 1961 an als Staatsanwalt beim ersten Auschwitz-Prozess in Frankfurt die Täter strafrechtlich verfolgte. Woran lag das Desinteresse, will Jauch wissen. "Der normale Deutsche sah die Arbeit durch die Alliierten getan. Man war dran interessiert, sein Leben zu ordnen", versucht Wiese zu erklären. Auch er selbst habe vor Prozessbeginn "nur wenig" über das ganze Ausmaß der Gräueltaten gewusst.

Die Angeklagten beschreibt Wiese als "eine Ansammlung biederer Menschen aus allen Berufszweigen." Von 22 werden schließlich 17 verurteilt. Das Erschreckende: "Mir ist keiner in Erinnerung der gesagt hat: Es tut mir Leid", so Wiese. Ob die Justiz auf dem rechten Auge blind gewesen sei? "Die Neigung zu verurteilen war damals nicht so groß", so Wiese. Arbeitsbelastung sei als Grund angegeben worden, auch zu hohe Kosten.

Eine Argumentation, die Wiese nicht gelten lässt. "Man muss das Lager als einen industriellen Vernichtungsbetrieb sehen. Jeder, der dort arbeitet, ist ein Zahnrad in dieser Industrie. Das Gericht ist damals unserer Einschätzung nicht gefolgt." Heute urteilen Gerichte durchaus anders, sagt Wiese und verweist auf den Prozess um John Demjanjuk, der 2011 wegen Beihilfe zum Mord in tausenden Fällen verurteilt worden war.

„Dasselbe Fräulein im anderen Rock“

Das letzte Wort haben wieder die zwei Zeitzeuginnen. Sie zu hören ist heute wichtiger denn je: die vier Toten im koscheren Supermarkt in Paris. Der junge Israeli, der Anfang Januar in der Berliner U-Bahn von Antisemiten verprügelt wurde. Die scheinbare Normalität, dass in Deutschland bewaffnete Polizisten vor jüdischen Schulen und Einrichtungen patrouillieren. Die wiederholten Meldungen von Anschläge auf Synagogen. Pegida. Alarmierend: Laut einer aktuellen Studie der Uni Leipzig hegt jeder 20. Deutsche antisemitisches Gedankengut.

Eva Erben sagt: "Das was passiert ist vor 70 Jahren, kann auch immer wieder passieren. Es ist dasselbe Fräulein im anderen Rock." Die Welt müsste genau beobachten, was geschieht. Und: "Israel braucht mehr Verständnis von der ganzen Welt." Margot Friedländer wiederum bekräftigt, dass sie Vertrauen hat: in die deutsche Regierung: "Sie wird es nicht zulassen, dass so etwas je wieder geschieht." Mit einem Zitat des Friedensnobelpreisträgers und Holocaust-Überlebenden Elie Wiesel beendet Günther Jauch die bemerkenswerte Ausgabe seines Polit-Talks. "Jeder, der heute einem Zeugen zuhört, wird selbst ein Zeuge werden."

Themen in diesem Artikel