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Jenny Gröllmann: Die Geistertreffs mit IM "Jeanne"

Die angebliche Stasi-Akte der Jenny Gröllmann ist voller Widersprüche und Fehler. Der Verfasser hat sich bei ihr entschuldigt, ihr Ex-Mann Ulrich Mühe nicht.

Von Dieter Krause und Werner Mathes

Der Fall scheint klar. Es gibt einen "Vorschlag zur Kontaktaufnahme", einen "Auskunftsbericht" mit allen persönlichen Daten des inoffiziellen Mitarbeiters (IM) "Jeanne" samt Passfoto, insgesamt 21 "Treffberichte" und einen Beschluss zur "Einstellung der Zusammenarbeit". Danach war die Schauspielerin Jenny Gröllmann, heute 59, von 1979 bis 1989 Zuträgerin des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) der DDR. So sieht es die Birthler-Behörde ("nach Aktenlage eindeutig"), so sieht es der Forschungsverbund SED-Staat der Freien Universität Berlin, der nach den vorliegenden Dokumenten "eine aktive Zusammenarbeit mit dem MfS" attestiert.

Nach Aktenlage. Nach vorliegenden Dokumenten. Doch war es wirklich so?

Jenny Gröllmann jedenfalls bestreitet vehement und an Eides statt, jemals mit der Stasi kooperiert zu haben. Und: "In diesen Akten befindet sich keine schriftliche Verpflichtungserklärung von mir, es gibt dort keine einzige Unterlage, die von mir persönlich erstellt oder unterzeichnet wurde." Nur: Auf Handschriftliches verzichtete die Stasi hin und wieder beim Umgang mit Kultur- und Kirchenprominenz. Das allein entlastet sie also nicht.

Aber womöglich ein Abgleich der Stasi-Papiere mit der Wirklichkeit. Und der führt zu erstaunlichen Ergebnissen. Beispiel Trefftermine. So soll der IM "Jeanne" laut "Treffbericht" des Führungsoffiziers Helmut Menge am 7. Mai 1983 von 21 bis 23 Uhr in der konspirativen Wohnung (KW) "Süd-Ost" gewesen sein. Aktenvermerk: "IM erschien pünktlich in der KW." Wen immer Menge dort getroffen haben will - Jenny Gröllmann kann es nicht gewesen sein. Denn die stand an jenem Abend nachweislich auf der Bühne des Maxim-Gorki-Theaters - als Hela im Lustspiel "In Sachen Adam und Eva". Die Vorstellung dauerte von 20.08 bis 22 Uhr und hatte danach noch 15 Vorhänge. So penibel ist es protokolliert im Bühnenbuch des Theaters.

Kein Einzelfall. Auch am 15. November 1980, am 21. Januar 1981, am 14. April 1981 und am 13. April 1982 kann Menge in jener KW "Süd-Ost" nicht Jenny Gröllmann getroffen haben, wie er es in seinen Treffberichten behauptet. Auch an diesen Abenden stand sie laut Bühnenbuch ihrem Publikum zur Verfügung.

Merkwürdigkeiten finden sich auch an anderen Stellen. Da notiert Führungsoffizier Menge beispielsweise am 5. Mai 1983 mit der Hand, was ihm IM "Jeanne" da aufs Tonband gesprochen haben soll. Dass sie am 2. Mai mit einer Bekannten aus West-Berlin telefoniert habe, die am 6. Mai zu einem Besuch nach OstBerlin kommen wolle. Und dann schreibt Menge - wohlgemerkt: am 5. Mai -, was sein IM erst am nächsten Tag erfahren haben kann: "Die É erschien zur vereinbarten Zeit (11.00 Uhr)." Dass sich Menge im Datum vertan hat, ist so gut wie ausgeschlossen. Nicht nur am Anfang seines vierseitigen Protokolls nennt er das Datum 5. 5. 1983, sondern auch noch mal am Schluss.

Menges Zeitmaschine

muss auch am 7. März 1984 eingeschaltet gewesen sein. Im IM-Bericht mit diesem Datum geht es um die Überraschungsparty zum 40. Geburtstag des Bühnenbildners Henning Schaller. Jenny Gröllmann soll danach gefragt worden sein, ob auch sie zu Schallers Party komme - auf ihrem eigenen Geburtstagsfest. Was auf keinen Fall stimmen kann. Denn Schallers Fest war da längst gelaufen - zwei Wochen zuvor.

Diese Party war ins Visier der Geheimdienstler geraten, weil dort auch jener Mann zu Gast war, auf den "Jeanne" laut Akte angesetzt war: Peter Pragal, von der Stasi-Hauptabteilung II/13 als Operativ-Vorgang (OV) "Starnberg" bearbeitet. Pragal, damals DDR-Korrespondent des stern, war sowohl mit Schaller als auch mit Jenny Gröllmann und deren erstem Ehemann befreundet, der in den Akten als IM "Franz" geführt wird.

"Was ich von ,Jeanne" in meiner Akte gefunden habe", sagt Peter Pragal heute, "geht eindeutig auf abgehörte Telefonate, abgefangene Briefe oder Gespräche zurück, die ich mit ihrem Mann geführt habe." Deshalb fädelte Pragal, als die ersten IM-Vorwürfe in der Presse auftauchten, eine Begegnung zwischen Jenny Gröllmann und ihrem angeblichen Führungsoffizier Helmut Menge ein. Der gab während des mehrstündigen Treffens zu, die IM-Akte tatsächlich aus verschiedenen Quellen zusammengeschrieben zu haben. Pragals Frau Karin erinnert sich: "Menge hatte ein wahnsinnig schlechtes Gewissen und sich bei ihr für alles entschuldigt."

Und die Historiker des Forschungsverbunds SED-Staat? Die haben sich bei der Begutachtung des Falles ausschließlich auf die Aktenlage verlassen und nur einmal den Abgleich mit der Wirklichkeit gewagt - und der ging prompt schief. In einem angeblichen Treffbericht vom 22. November 1983 steht: "IM wies darauf hin, dass der Lebenskamerad nicht von der Zusammenarbeit mit dem MfS erfahren darf." Dann folgt noch der Hinweis, dass "der Partner beruflich tätig ist (M. Gorki Theater)". Für die Gutachter steht fest: "Das war zu diesem Zeitpunkt bereits der Schauspieler Ulrich Mühe."

Irrtum. Mühe war nie am Maxim-Gorki-Theater - und zu diesem Zeitpunkt auch noch nicht der Partner von Jenny Gröllmann.

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Von:

Dieter Krause und