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kühn kuckt - die TV-Kolumne: Der Tag, als das Fernsehen fast gestorben wäre

Fast schon unverantwortlich, wie die Lufthansa nach der Fernsehpreis-Verleihung Deutschlands gesammelte TV-Größen in ein Flugzeug pferchte. Für stern-Redakteur Alexander Kühn stand eine Stunde lang die TV-Unterhaltung auf dem Spiel.

Es war schlicht unverantwortlich, was die Lufthansa sich vergangenen Samstag mit dem Flug LH 103 von Köln nach Hamburg erlaubte. In diese Maschine hatte sie fast ausschließlich Menschen gesetzt, die tags zuvor die Verleihung des Deutschen Fernsehpreises gefeiert hatten, darunter: in Reihe zwei Oliver Geissen, der Allesmoderierer von RTL; in Reihe drei Olli Dittrich, bekannt als Bier trinkender Bademantelträger Dittsche, einer der wenigen freiwillig komischen Mitarbeiter der ARD; zwei Reihen hinter ihm, auf der anderen Seite des Gangs, Johannes B. Kerner, das Sandmännchen des ZDF.

Was, wenn dieses Flugzeug abgestürzt wäre? Jener Oktobersamstag wäre für das deutsche Fernsehen ein Trauertag geworden, er hätte eine Lücke hinterlassen, vergleichbar nur mit jener Wunde, die der 3. Februar 1959 dem Rock’n’Roll riss: Buddy Holly, Ritchie Valens und Big Bopper waren in einer kleinen Maschine über einem Getreidefeld in Iowa abgestürzt, was Don McLean später in "American Pie" besang als "The Day the Music Died".

Wer außer Kerner hätte die Angehörigen befragt

Was, wenn dem Flieger auf dem Weg von Köln nach Hamburg etwas zugestoßen wäre? Triebwerkschaden? Schneesturm? Pilot zugekokst? Wer, wenn nicht Oliver Geissen, hätte zu diesem Anlass eine kurzfristig anberaumte Chart-Show "Die 10 dollsten Abstürze aller Zeiten" moderiert? Wer, wenn nicht Dittsche, hätte uns tags darauf die Bedeutung der Luftfahrt für die abendländische Kulturgeschichte erklärt?

Und wer, wenn nicht Kerner, wäre als erster an den Unglücksort gereist und hätte die Angehörigen gefragt: "Ich will jetzt ja nicht in ihrer Seele bohren, Sie haben ja gerade einen für Sie sehr wichtigen Menschen verloren, aber Sie verstehen sicherlich, dass die Zuschauer gern wissen möchten: Wie geht es Ihnen jetzt?" Aber, ach, warum sich so sehr sorgen: LH 103 ist nach einem knapp einstündigen Flug wohlbehalten in Hamburg gelandet.