Kühn kuckt - die TV-Kolumne Rudi, meld dich mal!


Vor einem Jahr starb Rudi Carrell, der Meister des Samstagabends und der Kollegenschelte. Die ARD ehrt ihn mit einer großen Show. stern-Redakteur Alexander Kühn vermisst ihn ein bisschen.

Wie man es von ihm erwartet hatte, verabschiedete Rudi Carrell sich mit einem Späßchen; ein Jahr ist das jetzt her: Er starb am Freitag, dem 7.7. - seine junge Witwe Simone verkündete danach in der "Bunten": "Das war seine Zahl. Er hatte ja 'Die verflixte Sieben' gemacht, und zuletzt '7 Tage, 7 Köpfe'." Todlustig, der Rudi.

Im Frühjahr 2005 hatte der kleine stern-Redakteur bei einem Abendessen an Carrells Tisch gesessen, ihm gegenüber. Und weil der Tisch sehr breit war, und Carrell ein Hörgerät trug, antwortete er auf die erste Frage trocken: "Haben Sie ein Handy dabei? Dann können wir telefonieren!" Das weitere Gespräch bestritt der Redakteur in der Hocke, Carrell zu Füßen.

Und der kleine Redakteur lud den großen Showmaster nach Hamburg ein in die Redaktion, als Heftkritiker. "Was muss ich da machen?", nuschelte Carrell. Nun, vor der versammelten Mannschaft den aktuellen stern auseinandernehmen. Loben, tadeln, was auch immer. "Schuper", sagte er, "mach ich gern."

Am 21. Juni traf beim kleinen Redakteur eine Email ein, Betreff: "Stern 26, Seite 164." Geschrieben in einem kraftvollen Deutsch mit kleinen Schönheitsfehlern: "2005 geht die von mir produzierten '7 Tage, 7 Köpfe'-Show in das zehnte Jahr. Mit im Schnitt 5 Mio. Zuschauern, und das vom 22 Uhr 15 bis 23 Uhr 15, gehört die Sendung zu den erfolgreichsten Comedyshows Europas. Top-Kabarettisten wie Mathias Richling, Dieter Nuhr und vielen andern behaupten, dass sie sich in keiner vergleichbaren Show, so wohl fühlen als bei uns. Wenn der Stern aber in einem Artikel über Anke Engelke die gesamte Comedyszene

"ein Ozean von 7-Tage-7-Köpfe-Stumpfsinn"

nennt, sehe ich das, als engagierter Fernsehunterhaltungsmacher, als eine persönliche Beleidigung. Deshalb nehme ich meine Zusage für die Redaktionskonferenz am 5. August zurück. Rudi Carrell." Schade.

Gottschalk hätte er sich als seinen Nachfolger vorstellen können

Aber Carrell konnte auch loben. Wenn man als kleiner Redakteur einen Artikel über merkwürdige Phänomene der deutschen Fernsehunterhaltung geschrieben hatte, kam es durchaus vor, dass eine E-Mail eintrudelte von RudiCarrell@aol.com, kurz und auf den Punkt: "Habe den Artikel über Florian Silbereisen genossen. Schönes Wochenende, Rudi." Die Biografie "Ein Leben für die Show", die jetzt als Taschenbuch erschienen ist, versammelt im Anhang Zitate von Rudi Carrell. Über Thomas Gottschalk sagte er 1979: "Dieser Junge hat Zukunft! Ich könnte ihn mir als Nachfolger für mich selbst vorstellen." Über Olli Dittrich 1997: "Ein großes Talent." Über Hape Kerkeling: "Das größte Unterhaltungsgenie im deutschen Fernsehen."

"Alles Arschkriecher"

Lieber liest man natürlich die Zeugnisse seiner legendären Kollegenschelte. 1979: "Harald Juhnke und Hans Rosenthal, das sind doch alles Arschkriecher." 1983 über Wim Thoelke: "Wie leicht manche Leute doch ihr Geld verdienen." Über Alfred Biolek: "Er soll mal gesagt haben, ich sei sein Lehrmeister gewesen. Wenn ich ihn treffe, werde ich sagen: Das nimmst du zurück."

Wenn die ARD heute Abend die große Gedenk-Show "Danke, Rudi" ausstrahlt, werden Andy Borg, Heintje und Guildo Horn ihre Lieblingslieder von Rudi Carrell nachsingen. Und man kann es sich gut vorstellen, wie Carrell fernsehend da oben sitzen wird auf seiner Wolke, sich von Bier und Zigaretten ernährend, und am Ende der Show raunt: "Schuper Songs. Scheiß Sänger." Man würde sich wünschen, dass er ab und zu einmal seine Stimme erhebt und seine Meinung sagt zu all dem Unlustige-Comedy-langweilige-Moderatoren-alle-machen-dasselbe-keiner-hat-Mut-Quatsch, der zunehmend unsere Bildschirme verstopft. Wehmütiger Gruß nach oben: Rudi, meld dich mal!


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