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Realityshow auf Netflix Schlechte Skripts, vertane Chancen: Die "Love is blind"-Reunion enttäuscht

Love is blind
Damian und Giannina (rechts) haben eine der absurdesten Storylines abbekommen: Er bringt unangekündigt Francesca (links) zur ihrem Jubiläum mit
© Netflix
"Love is blind" ist zurück, doch das dreiteilige Reunion-Special "Nach dem Altar" ist erstaunlich langweilig geraten. Die Netflix-Realityshow erkennt ihr eigenes Potenzial nicht - und verlässt sich stattdessen auf schlechte Skripts.

Es war einer der größten Netflix-Hits im vergangenen Jahr: Mit der Reality-Datingshow "Love is blind" traf der Streamingdienst weltweit einen Nerv. Und das ironischerweise kurz vor Ausbruch der Pandemie - dabei war vieles an ihr erstaunlich Corona-konform. Statt auf Gruppendates lernten sich die Teilnehmer:innen isoliert in kleinen Kabinen kennen, sprachen stundenlang miteinander, aber konnten sich nicht sehen oder berühren. Am Ende gab es ganze sechs Heiratsanträge, vier Hochzeiten platzten dramatisch vor oder am Altar. Das Ganze war aufwändig produziert, da über einen langen Zeitraum gefilmt, und bot großartiges Reality-TV. Leider kann man das nicht über die aktuelle Fortsetzung "Love is blind - Nach dem Altar" sagen.

In drei neuen Folgen begleitet Netflix die Kandidat:innen von damals zwei Jahre nach den Hochzeiten auf eine Jubiläumsparty zu Ehren der Paare, die durchgehalten haben. Das sind nur noch zwei, nämlich Amber und Matt und Lauren und Cameron. Die Momente mit ihnen sind die, die den Zauber der ersten Staffel noch am ehesten wieder erwecken - auch wenn die verkrampften Gespräche zur Familienplanung sehr aufgezwungen wirken. Irritierend auch der Moment, in der Ambers Schwiegermutter ihr rät, Matt nicht mit ihren Wünschen zu verärgern - schließlich sei er der Geldverdiener im Haus. "Es ist manchmal schwer, eine Frau zu sein", kommentiert sie. 

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"Love is blind: Nach dem Altar": Netflix greift in die Billig-Trickkiste 

Davon können die Single-Frauen der Show ein Lied singen. Mit ihnen wird hart ins Gericht gegangen, viele Kommentare haben frauenfeindliche Tendenzen. Über LC zieht Carlton etwa her, sie sei schon mit jedem im Bett gewesen, außer mit ihm und dem Beleuchter. Kelly, die den sensiblen Kenny vorm Altar abschoss, wird nicht einmal mehr zu ihrer ehemaligen Beziehung befragt. Und Jessica , die in der ersten Staffel als Bösewicht und Lachnummer herhielt, hat jetzt zwar einen Freund, wird aber erneut nur mit dem Weinglas in der Hand gezeigt. Zwar füttert sie den Rotwein dieses Mal nicht an ihren Hund, doch die Show hat hier eine Chance vertan: Ehrliche Gespräche über das Single-Dasein und Dating in den 30ern  - ausgerechnet während einer Pandemie - hätten Potenzial und wären neu gewesen.

Stattdessen setzen die Macher auf konstruierte Konflikte. Vor allem die Szenen rund um Diamond sind schlecht gemacht. Sie ist eine der Teilnehmerinnen, die am wenigsten interessiert, da sie schon früh ausschied, bekommt jedoch erstaunlicherweise viel Sendezeit ab. So wird sie mit einem Date für die Party "überrascht", rein zufällig ist eine Kamera beim Kennenlernen dabei. Der Typ taucht zwar zur Party auf, haut am Ende des Abends aber gelangweilt ab. Diamond kommentiert das Ganze in gestellten Interviewsituationen so, als wisse sie davon nichts - nur, um am Ende doch darüber zu klagen.

Einen der absurdesten Handlungsstränge in den Fortsetzungsfolgen bekamen Giannina und Damian. Nachdem sie von Damian vor zwei Jahren am Altar stehen gelassen wurde, fand das Paar wieder zusammen - zumindest, wenn man Giannina fragt. Doch für Damian will das Ganze nicht so richtig funktionieren. Das könnte unter anderem daran liegen, dass er offenbar noch immer versucht, die harten Worte von Giannina ("Hast du bemerkt, dass ich es nie zurück sage, wenn du sagst, ich sei der beste Sex deines Lebens?") zu vergessen - und zwar mit Botoxbehandlungen und einem Porsche ("Der zeigt meine sexy Seite"). 

Netflix begleitet Damian deswegen zum Lunch mit der schönen Francesca, bekannt aus der anderen Netflix-Show "Too Hot to Handle". Sie möchte seine Muskeln anfassen und wird prompt von ihm zur Jubiläumsparty eingeladen. Dem Jubiläum von ihm und Giannina, wohlgemerkt. Angeblich hat das Paar die Woche vorher kaum Kontakt, so dass es dann zu einem Showdown auf der Party kommen kann - der jedoch auch erstaunlich wenig zündet. Der gesamten Party fehlen entweder ein gut orchestrierter Handlungsstrang oder eben echte Momente. 

Schade also, dass Netflix hier in die Billig-Trickkiste griff, anstatt sich auf die Menschen zu konzentrieren. Vielleicht gelingt das beim Original ja wieder besser: Eine zweite Staffel ist angekündigt.

sst

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