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"Casting JonBenét" Der mysteriöse Mordfall JonBenét - diese Netflix-Doku ist einzigartig

"Casting JonBenét": Der mysteriöse Mordfall JonBenét - diese Netflix-Doku ist einzigartig
Ein mysteriöser Mord an einem kleinen Mädchen, das Schönheitskönigin werden wollte, hielt in den 90ern die USA in Atem. Bis heute ist ihr Tod ungeklärt. Eine neue Netflix-Doku befasst sich jetzt auf ungewöhnliche Weise mit dem Fall.

JonBenét Ramsey war erst sechs Jahre alt, als sie 1996 tot im Keller ihres Elternhauses in Boulder, Colorado aufgefunden wurde. Der mysteriöse Fall über das blonde Mädchen, das regelmäßig an Schönheitswettbewerben teilnahm, ist bis heute ungeklärt. Eine neue Netflix-Dokumentation greift den Mord nun noch einmal auf. Aber Vorsicht: Wer einen True-Crime-Film wie "Making a Murderer" erwartet, wird von "Casting JonBenét" enttäuscht. Dafür fasziniert die Doku auf ganz eigene Weise. Die australische Regisseurin Kitty Green erklärt im Gespräch mit dem stern ihr Konzept.

Wie kamen Sie ausgerechnet auf den Mordfall JonBenét Ramsey?

Ich war noch ein Kind, als es passiert ist und ich lebte in Australien. Ich kannte Schönheitswettbewerbe gar nicht und war sehr neugierig. Ich hatte amerikanische Fernsehserien gesehen und eine bestimmte Vorstellung von einer amerikanischen Familie. Die schreckliche Tragödie hat dieses perfekte Bild zerstört. Das hat mich geschockt und fasziniert. Auch 20 Jahre später hat es mich nicht losgelassen: Immer, wenn ich jemanden aus Colorado traf, hab ich danach gefragt und verschiedene Geschichten und verrückte Theorien gehört. Irgendwann dachte ich, dass da vielleicht ein Film drin stecken könnte.

Wie waren die Reaktionen, als Sie dann für die Dreharbeiten nach Colorado gingen?

Wenn man dort ankommt und nur die Worte JonBenét Ramsey sagt, stößt man auf Augenrollen. Keiner will damit etwas zu tun haben. Die konnten den Medien lange nicht entkommen. Aber als wir erklärt haben, dass wir nicht auf Mördersuche waren, sondern eher ein Porträt über die Gemeinde zeichnen wollten, zeigten viele Interesse.

Kitty Green
Die australische Filmemacherin Kitty Green stellte ihre Doku auch auf der Berlinale 2017 vor
© Picture Alliance

Die Doku geht sehr ungewöhnlich vor: Sie zeigen den Casting-Prozess zum Film und lassen die Schauspieler persönliche Theorien über den Mord ausspinnen. Gab es gar kein Skript?

Es gab eine gewisse Struktur, aber kein Drehbuch - nur Transkripte aus den Polizeiunterlagen und Pressekonferenzen, die wir die Schauspieler lesen ließen. Ansonsten sollten sie improvisieren und ihre eigene, persönliche Erfahrung mitbringen. Für mich war überraschend, wie bereitwillig sich die Schauspieler geöffnet haben und wie ehrlich und verletzlich sie sich gezeigt haben. Ihre Geschichten sind es jetzt, die dem Film mehr Wucht verleihen.

Was war die Idee dahinter?

Mich hat interessiert, wie Leute etwas verarbeiten, was vermutlich nie zum Abschluss kommen wird. Wie lebt man als Gemeinschaft weiter, wenn man 20 Jahre im Schatten dieses Verbrechens steht? Wie verarbeitet man so ein schreckliches, schockierendes Ereignis? Ich glaube, die Arbeit war für alle sehr therapeutisch.

Haben Sie mit der echten Familie Ramsey Kontakt aufgenommen?

Nein, ich weiß auch nicht, ob die Familie Ramsey den Film gesehen hat oder nicht. Ich habe nichts von ihnen gehört. Es gibt so viele Filme über diesen Fall und viele davon sind sehr sensationslüstern. Wir wollten etwas anderes machen. Deshalb gibt es auch kein Archivmaterial von ihnen zu sehen. Die Familie ist eigentlich nur der Rahmen, um über Trauer in einem größeren Sinn zu sprechen.

Die Doku macht deutlich, wie sehr die gleichen Fakten von unterschiedlichen Menschen anders interpretiert werden können. Es ist ein sehr zeitgemäßer Film, wenn man an die "alternative Facts"-Debatte in den USA denkt. War das beabsichtigt?

Wir haben den Film 2016 gedreht, noch bevor Trump Präsident wurde und wir alle haben gedacht, dass Hillary Clinton gewinnt. Es ist jetzt komisch, weil wir einen Film über die Wahrheit und über die individuelle Auslegung derer gemacht haben, ohne zu wissen, dass genau das jetzt Thema sein würde. Im Nachhinein kann man im Film Anzeichen für den Aufstieg von Trump erkennen, was seltsam ist.

Was ist Ihre persönliche Theorie zum Mordfall?

Ich wollte nie herausfinden, wer sie umgebracht hat. Es ist ein Film über Fragen, nicht Antworten. Ich habe deshalb versucht, keine Schlussfolgerungen zu ziehen. Nachdem ich mit 200 Leuten gesprochen, jedes Buch gelesen, jeden Film gesehen habe, weiß ich immer noch nicht, wer es war. Und ich glaube nicht, dass wir das Rätsel in naher Zukunft lösen können. Deshalb geht es im Film eher darum, wie Menschen trotzdem damit abschließen können.

"Casting JonBenét" ist ab sofort auf Netflix verfügbar

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