Neue Geissen-Show Vorsicht, rutschende Unterhose


Einmal im Jahr ist nicht genug: Bei RTL versucht sich Oliver Geissen seit Neuestem an einem wöchentlichen Rückblick. Doch anstatt die Ereignisse der vergangenen Tage unterhaltsam aufzuarbeiten, war "Die Show der Woche" bloß eine Ansammlung belangloser Kuriositäten.
Von Peer Schader

Huch, haben wir da was verpasst? Ist etwa schon wieder Jahresende? Sie wissen schon: Die Zeit, in der die Sender im Archiv kramen, um die lustigsten, bewegendsten, spektakulärsten Momente und die wichtigsten Personen der vergangenen zwölf Monate in Zwei-Stunden-Shows zu packen, die dann von Johannes B. Kerner oder Günther Jauch moderiert werden. "Jahresrückblick" heißt das dann. Doch einmal im Jahr ist nicht mehr genug. Oliver Geissen macht das bei RTL jetzt jede Woche.

"Die Show der Woche" heißt der neueste Versuch des Senders, dem Freitagabend wieder Pepp zu verleihen, nachdem dort zuletzt reihenweise neue Comedy-Shows gefloppt sind. Die Frage ist nur: Welche Woche meint RTL denn? Der Auftakt war eher eine wahllos mit Kuriositäten zusammengestoppelte Geduldsprobe. Dabei hätte es doch so schön werden können: Olympiasieger Matthias Steiner war zu Gast, der in Peking die Goldmedaille im Gewichtheben geholt hatte (was ja auch schon wieder ein bisschen länger her ist). Bloß ist Geissen nix eingefallen, was er Steiner fragen könnte - außer: "Fühlst du dich jetzt wie ein Rockstar?" Und - weil der Gewichtheber eine Einladung von Gouverneur Arnold Schwarzenegger nach Kalifornien bekommen hat: "Fährste hin?"

Schnuller auf die Bühne

Was die Redaktion dazu bewogen haben mag, als weitere Gäste "der Woche" Comedian Kaya Yanar und "Superstar"-Gewinner Thomas Godoj einzuladen, wird wohl ein Geheimnis bleiben. Godoj durfte seinen aktuellen Titel singen und musste ein paar Sätze dazu sagen, dass er bald Papa wird. Seine Fans im Zuschauerraum dankten es ihm damit, dass sie Schnuller auf die Bühne warf. Und das Spannendste, was Kaya Yanar nach seinem Stand-Up-Auftritt preisgab, war, dass er früher mal Comics gelesen hat.

Das große Problem der "Show der Woche" ist, dass es eigentlich keine Zeit für Gespräche gibt. Ständig kündigt Geissen einen neuen Einspieler oder einen lustigen Clip aus dem Internet an, unter dem dann "Quelle: Youtube" steht. Das "Gimmick der Woche" war ein Stuhl mit rotierender Sitzfläche aus dem amerikanischen Homeshopping, der im Studio getestet wurde. In der "Klatsch"-Rubrik war zu erfahren, dass Tokio Hotel gerade in den USA auf Tour sind (worüber "Explosiv" schon vor Wochen berichtete) und dass bei der Musikshow-Aufzeichnung "The Dome" die Unterhose von Ochsenknecht-Sohn Wilson Gonzalez zu sehen war. Die "Bilder der Woche" waren Kurzclips aus "RTL aktuell" und ein paar Fotos vom Abschied Oliver Kahns.

"Angela Merkel von der SPD"

Weil es seit kurzem den Einbürgerungstest für alle gibt, die die deutsche Staatsbürgerschaft erlangen wollen, hat RTL zudem einen Achtjährigen die Passanten in einem Einkaufszentrum fragen lassen: Wieviele Einwohner hat Deutschland? Wer ist Bundeskanzler? Und wofür steht die Abkürzung SPD? Die Antworten waren berechenbar erschreckend: "20 Millionen". "Angela Merkel von der SPD". Und: "Sozialistische Partei Deutschlands". Ja, toll.

"Die Show der Woche" sieht ein bisschen so aus, als hätte RTL sich bei den Rubriken all der anderen Shows im deutschen Fernsehen bedient. Und Geissen macht das, was er immer macht: auf einem roten Sofa sitzen, Gäste ankündigen und mehr oder weniger doofe Fragen stellen. Wie ideenlos das alles ist, war spätestens klar, als plötzlich die Top 5 der aktuellen Kino- und Musikcharts liefen. Wen interessiert das denn in dem Moment? Wer das wirklich wissen will, schaltet zu Viva oder schaut im Internet nach.

Schade, dass das Konzept der Sendung so dünn ausfällt. Eigentlich ist es ja eine gute Idee, die Ereignisse der vergangenen Woche noch einmal unterhaltsam aufzuarbeiten. Mag ja sein, dass RTL dann nicht mit Nachrichten aus Politik und Wirtschaft auftrumpfen kann. Aber wenn eine Redaktion fünf Tage Zeit hat, um eine solche Show vorzubereiten, dann fragt man sich schon: Ist das alles? Wäre es nicht mutiger gewesen, Franz Müntefering nach seinem "Comeback" zu fragen, ob er Lust hätte, in eine Unterhaltungsshow zu kommen? Oder den RTL-Korrespondenten eine Mini-Reportage in New Orleans drehen zu lassen über Leute, die nach dem Sturm wieder zurück in ihre Stadt kommen? Verschenkt, die Angst bei RTL, das Publikum mit Relevanz zu verscheuchen, ist riesengroß.


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