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Promi-Special "Wer wird Millionär?": Showdown der Supermuttis

Drag-Queen Olivia Jones trinkt sich Mut an. Olli Dittrich und Steffen Henssler sabbeln viel. Am Ende triumphiert jedoch die brave Familienministerin auf Jauchs heißem Stuhl. Überzeugend ist das nicht.

Von Simone Deckner

Uiuiuiuiuiui, um mal mit dem schnuffligen Sympathen aus der Sesamstraße zu sprechen. Die Gästeliste des Prominenten-Specials von "Wer wird Millionär?" liest sich viel versprechend: Ein Koch, ein Komiker und zwei Supermuttis raten in der 26. Runde für den guten Zweck. In der einen Ecke: Olivia Jones, "Kult-Transe", Zweite des Dschungelcamps und dort selbsternannte "Mutti" aller "Hasen". Wie man hört, erzählen die Taranteln down under sich noch heute ehrfurchtsvoll Geschichten von ihren Giftspritzereien im Camp. Doch bei aller Liebe zur Lästerei: Jones besitzt Selbstironie. Das macht sie sympathisch. Als Gegenspielern zur schrillen Tunte tritt auf: die Normalität im Hosenanzug. Politikerin Kristina Schröder, working mum und (noch) Ministerin für Familie, Senioren, Frauen und so weiter. Heute ausnahmsweise im Kleid, als Lady in Red. Und wie Jauch ehrfürchtig zitiert: "Die erste Bundesministerin Deutschlands, die während der Amtszeit ein Kind bekommen hat". Nach zehn Wochen Windeln wechseln ging es direkt zurück ins Parlament. Weil Bundestagsabgeordnete keine Elternzeit nehmen dürfen. Als feministisches Vorbild taugt Schröder dennoch kaum: Laut nicht-repräsentativer Umfrage im Freundeskreis ist die 35-Jährige derzeit in etwa so beliebt wie Drohnen-Dödel de Maizière und Model-Mama Heidi Klum zusammen.

Weil Schröder die Begriffe Bimmel Bammel, Bommel und Bummel am schnellsten ihren Bedeutungen zuordnen kann, eröffnet sie das Spiel. Augenfällig: das Guido-Westerwelle-Syndrom. Kennen Sie nicht? Das äußert sich in unangemessenem Verhalten der Marke "Ich bin zwar Politiker, aber trotzdem total locker." Schröder versucht es mit einer lustigen Jobbeschreibung: "Ich bin für alles zuständig außer mittellose Männer". Niemand lacht. Das Ding zum Schenkelklopfer hat eher ein unbedacht geäußerter Satz."Aber jetzt nicht von meinem Gerede beeinflussen lassen!" Keine Sorge, Frau Ministerin. Das tut längst kaum jemand mehr.

Kristina Schröder hat "Karl der Käfer" nie gehört

In quälend langatmigen 45 Minuten erfährt man, dass Zuhause bei Schröders niemand über Politik sprechen darf. Bedenklich auch die Mängel in musikalischer Grundbildung: Die Mama kennt den 80er-Jahre-Öko-Protestsong "Karl der Käfer" von "Gänsehaut" nicht. Dafür weiß die Familienministerin, dass Espresso mit Zitronensaft gut gegen Kopfschmerzen hilft. Schwieriger wird's kaum. Zum Schluss stehen 125.000 Euro für Kinderhilfsprojekte in Wiesbaden auf Schröders Uhr. Und die Erkenntnis: Politiker sind wirklich nicht komisch.

Sonst wären sie ja Komödianten geworden, so wie Olli Dittrich. Klimpert er doch auf der Klaviatur der komödiantischen Darstellung von Mitmenschen virtuos wie kein Zweiter: Er kann Proll ("Dittsche"). Er kann Waldi ("Neues vom Spocht!"). Er kann Realsatire ("Frühstücksfernsehen"). Der Mann kann eigentlich alles. Das Einzige, was Dittrich womöglich nicht so gut kann: auf Risiko spielen, wenn es um einen guten Zweck geht. Dafür steckt dann doch zu viel Spießer in ihm. Haben Sie den mausgrauen Anzug und die Streberbrille gesehen? Und dann kommt er auch noch allein. "Ich habe niemanden mitgebracht", sagt er zu Jauch und für einen Moment weiß man nicht, ob da Dittsche sitzt. Außerdem hat er kein Abitur. Bis zur 32.000-Euro-Frage bekommt der komische Mann mit dem melancholischen Blick dennoch kaum Probleme. Dann zerrt er Literaturkritiker Hellmuth Karasek mitten in einer Lesung ans Handy. Das kann der Herr Professor zwar nur leidlich bedienen ("Ich finde den Lautstärkeregler nicht"), dafür weiß der Telefonjoker aber aus dem Bauch heraus die richtige Antwort auf die Frage "Wer den John F. Kennedy International Airport in New York City anfliegt, befindet sich in ... ?" Antwort: Jamaica, Queens. Am Ende kann sich Dittrich über 64.000 Euro für eine Demenzeinrichtung in Köln freuen.

Henssler wirft das Geschirrhandtuch

Zwischendurch hatte noch TV-Koch Steffen Henssler gezeigt, dass er so ganz ohne vor ihm aufgebahrte Lebensmittel zum Zerhacken ziemlich verloren wirkt. Henssler sagt Sachen wie "Ich würde das gern einlocken" oder "Das war eine Scheißfrage", wenn es mal um Toiletten geht. Der Mann antwortet eben aus dem Bauch raus. Als Jauch wissen will, was einen TV-Koch von einem Koch unterscheidet, sagt er: "Im Restaurant muss es gut schmecken. Im Fernsehen gut aussehen." Zack! Henssler muss jedoch das Geschirrtuch werfen, als es darum geht, was seit den 70ern hierzulande deutlich weniger geworden ist: Kinos, Bahnhöfe, Kioske oder Tankstellen? Letzteres wäre korrekt gewesen. Henssler geht mit 64.000 Euro, die er an die Stiftung Mittagskinder und die Organisation Dunkelziffer spendet.

Zum Finale darf dann endlich das Frollein Jones ran. Die hat sich zwischenzeitlich mit einem Humpen Bier Mut angetrunken, ungelenk eine Banane verdrückt und sich an einen zusehends hilflos wirkenden Günther Jauch rangeschmissen ("Ich bin ja eigentlich nur wegen Ihnen hier!", "Haben Sie schon mal Viagra genommen?"). Sie bringt Jauch sogar dazu, ihre Pumps anzuziehen und darauf durchs Studio zu staksen. Die gleiche Schuhgröße macht's möglich. Fröhlich sieht Jauch bei seinen Jorge-Gonzalez-Gehversuchen für Arme nicht aus. Entspannter wirkt er erst wieder, als Jones nur mit Vorsagen errät, dass Angela Merkel und Peer Steinbrück sich den Geburtsort teilen. Hamburg. "Das kann ich als Hamburgerin ja nicht wissen", so das Plappermaul peinlich berührt. Am Ende streicht auch die Jones 64.000 Euro ein - für ein Sterbehospiz und eine Hilfseinrichtung für Obdachlose in Hamburg. Insgesamt erspielt das prominente Quartett 317.000 Euro.

Und was nimmt man als Zuschauer nach drei sehr langen Stunden Prominenten-Special mit? Die irre Erkenntnis, dass der Ungar die deutsche Frisurenpanne Vokuhila ernsthaft Bundesliga nennt. Uiuiuiuiuiui.