VG-Wort Pixel

Trennungssoap von Sarah und Pietro Ende Gelände für die Lombardis


Von wegen "ganze Wahrheit". Vier Fünftel Flashback, ein Viertel Tränen. Oder so ähnlich. "Sarah und Pietro" in a Nutshell: Das wird nix mehr. Sagt Pietro auch. Letzte Ausfahrt Scheidungssoap.
Von Ingo Scheel

Wer zu früh einschaltet, den belohnt das Leben. In "Berlin Tag & Nacht" auf RTL2 wird um kurz nach 21 Uhr am Mittwochabend eine große Hochzeit gefeiert. Bodybuilder, die sonst in Youtube-Videos Fußbälle an den Kopf bekommen, im Eis einbrechen oder kopfüber in ihren Grill fallen, zeigen beim Braut-Antanz-Strip missratene Tribaltattoos von 1996. Ein Sladdi-Double spielt den besoffenen Bräutigam, eine Frau, die aussieht, als hätte sich Ylvi, die Freundin von Wickie, für einen Junggesellinnen-Abschied in Bottrop-Kirchhellen verkleidet, stellt die Braut dar. Und eine Seniorin mit Perücke, die aussieht wie ein Lichtdouble der Jacob Sisters, schnüffelt an einer Wodkaflasche. Das ganze in einer Art Burgruine, wo sonst angejahrte deutsche Metal-Kapellen ihre Unplugged-Alben einspielen. Kurzum: Warum hat man sich diese Sendung nicht längst schon mal in Gänze reingetan? Muss nachgeholt werden.

Für den Moment aber ist die Wahrheit angesagt. Die ganze Wahrheit und so weiter. Sarah und Pietro im Director’s Cut von "Schlechte Zeiten, schlechte Zeiten". Für alle, die vom dicksten Ding seit Franken-Barbie und Karim noch nichts mitbekommen haben - und dazu gehört der Autor dieser Zeilen - gibt es auf RTL2 "Sarah & Pietro - die ganze Wahrheit". Das heißt, erst einmal gibt es satte anderthalb Stunden Flashback. Best of Kennenlernen, Worst of Hausbau, DSDS-Outtakes, Superstars on 45. Und was man nicht alles verpasst hat: Pietro im Adidas-Zylinder. Den psychedelischsten Bettenkauf seit Herrn Hallmackenreuther, dazu in Eigenheim-Freiluftgehegen hingeflanschte Bauherren-Modelle, auf die nicht einmal Zweitliga-Fußballer hereingefallen wären.

Noch wie neu, das Pampers-Gelöt

Mehr davon? Aber bitteschön: Frauenärztinnen, die die Brillen von Sigi Harreis auftragen, Wohnkulissen, die es bei Dodenhof nicht in den Recall geschafft hätten und Baseball-Caps, die man auf dem Hamburger Dom für drei Punkte beim Enten-Angeln bekommt. Direkt von Facebook-Kommentarfeldern auf Sweatshirts gedruckte Sprüche, Vocalkiekser aus dem Nachlass von Monica Seles und ein "Superstar", der das Arbeitsauffassungs-Dilemma der von Bohlen & Co. ins Haifischbecken geworfenen Früh-Twens mit Superstar-Ambitionen auf den Punkt bringt: "Am liebsten sitz ich hier und sing’ nur einen Satz". Ach, Pietro, möchte man seufzen - wenn es doch nur tatsächlich dabei geblieben wäre.

Stattdessen Pustekuchen galore. Dem einstigen Traumpaar von DSDS, rundum in Echtzeit erst rauf-, dann runtergewirtschaftet, ist, medial begleitet bis zur letzten Stoßwehe, nach einigen Jahren die Puste ausgegangen. Er hätte gern mehr Zeit zu zweit, sie kuschelt lieber mit einem Ex-Freund, dazwischen Sohnemann Alessio, der tröstlich optimistische Steppke, der mit Papa Pietro zwischendurch in den Zoo darf, um Schafen, Flamingos und sonstigem Getier "Ciao" zu sagen. Mittendrin ruft Sarah an, um den Windelwechsel anzumahnen. Ist noch nix drin, noch wie neu, das Pampers-Gelöt. Schluck aus dem Fläschchen. Ab nache Mama hin.

On top gibt es O-Töne für Unterarm-Tattoos: "Für mich war es ewige Liebe". Wahre Gefühle im Präteritum, ein Träumchen. Ebenso Pietros bildhafte Erklärung, wie sich so eine Krise anfühlt: "Du hast eine grade Bahn. Und dann kommt ein Riesenloch. Und da bist du grade drin." Womit wir wieder beim Hamburger Dom wären. Wollt ihr nochmal rückwärts? Aber sicher: Was macht man, um die Ehe zu retten? Näher zur Schwiegermutter ziehen. Bingo. Oder wie Pietro zu Sarah sagt, als die ihm endlich mal wieder ein Liebesbekenntnis unter die Basecap stammelt: "Alder, ich hab’ jetzt richtig Gänsehaut!". Wir auch. Allein mit der Wahrheit wird es in all dem Gewurschtel nix.

Stern Logo

Sarah und Pietro Lombardi: "Mit uns wird das nix mehr"

Gegen Ende fallen Pietro ein paar Brocken aus der Seele wie Lego-Duplo-Steine aus der Ikea-Box: "Mit uns wird das nix mehr. Also, ich mein, alles ist möglich. Aber ich glaub nicht." Dabei sitzt er in einem Raum, der in seiner nachlässigen Tiefenschärfe wirkt wie jene Vorhöllen-Lounges, in denen Laiendarsteller bei Gummiteddys und löslichem Kaffee auf ihre mit zweistelligen Euro-Beträgen entlohnten Auftritte in Gerichtsshows warten. Die Mär von der Geschichte: Die Wahrheit gibt es nächsten Mittwoch. Echt jetzt.


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker