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"Tatort Internet"-Macherin Beate Krafft-Schöning: "Ein erster Schritt aus der Tabu-Themen-Kiste"

In der RTL2-Reihe "Tatort Internet" spürte sie als verdeckte Ermittlerin Pädophile auf - und musste für die Machart der Sendung viel Schelte einstecken. Im stern.de-Interview zieht Beate Krafft-Schöning Bilanz - und verteidigt das Konzept gegen ihre Kritiker.

Frau Krafft-Schöning, Sie beschäftigen sich schon lange mit dem Thema Kindesmissbrauch im Internet. Sind Sie bei Ihren Arbeiten an der Sendung "Tatort Internet" dennoch negativ überrascht worden?
Ich recherchiere und veröffentliche seit zehn Jahren zu diesem Themenkomplex. Zeitgleich habe ich unzählige Kinder und Erwachsene zu den Gefahren für Kinder im Internet geschult, Lehrer und Polizeibeamte weitergebildet. Ich weise seit vielen Jahren darauf hin, dass das Internet in Kinderhänden kein Spielzeug ist - geschweige denn ein Babysitter. Überraschen kann mich, ehrlich gesagt, nichts mehr.

Die "Bild"-Zeitung hat Ihre Sendung mit mehreren Titelgeschichten unterstützt, die Sendung wurde viel diskutiert. Die Quoten bleiben trotzdem bescheiden. Woran liegt das Ihrer Meinung nach?
Wieso bescheiden? Die Sendung wird jeweils von über einer Million Menschen angesehen. Darunter sind besonders viele junge Zuschauer. Die Resonanz der Zuschauer ist durchweg positiv und das bestärkt mich, es richtig gemacht zu haben. Themen wie diese brauchen Zeit. Hier geht es um Inhalte und nicht vornehmlich um Quote.

Sind die Quoten ein Indiz dafür, dass die Gesellschaft sich für das Thema nicht wirklich interessiert?
Das ZDF hat kürzlich eine Reportage zu diesem Thema um 0.30 Uhr gesendet. Wer soll das sehen? Die Anzahl der Zuschauer von "Tatort Internet" ist ein Indiz dafür, dass die Zuschauer die Informationen, die das Format transportiert, interessiert. Und das ist wichtig: jene zu erreichen, die bisher kein Problembewusstsein hatten. Dass das Thema darüber hinaus interessiert, zeigt in Summe das gesamte Medien- und Zuschauerecho.

"Tatort Internet" hat ein ehrenvolles Ziel: zu zeigen, wie leicht Kinder im Internet zu Opfern von Sexualtätern werden können. Von vielen Kritikern wird jedoch negativ bis hämisch über die Sendung berichtet. Haben Sie das erwartet?
Ja und nein. Grundsätzlich bin ich ein Freund von Kritik. Der Umstand, dass wochenlang über die Ästhetik der Sendung diskutiert wurde, oder sich darüber Gedanken gemacht wurde, wie nun die böse Journalistin arglistig den armen mutmaßlichen Täter in die Falle gelockt hat, fand ich denkwürdig. Aber nicht unverständlich. Es hätte mich gewundert, wenn die Kritiker sich sofort des Tabu-Themas "Sexuelle Gewalt gegen Kinder" gewidmet hätten, um das es ja geht. Hier die Kritik in die richtige Richtung zu lenken ist wesentlich aufwendiger und erfordert viel mehr Mut, als sich über schnelle Schnitte aufzuregen, oder? Vielleicht beginnen wir nun endlich einmal damit, über die im Internet täglich tausendfach verübte sexuelle Gewalt an Kindern, die Skrupellosigkeit der mutmaßlich tatbereiten Besucher in den Wohnungen von "Tatort Internet" oder die Kinder zu sprechen, denen sexuelle Gewalt im Internet bereits geschehen ist.

Worin sehen Sie die Gründe für die überwiegend negative Resonanz?
Die gab es nur in der Presse. Die Resonanz der Zuschauer ist eine andere. Der Sender und auch ich erhalten tausende E-Mails von Polizisten, Lehrern, Pädagogen, Opfern und besorgten Eltern, die sich für die Sendung bedanken. Damit ist mein persönliches Ziel erreicht - nämlich zu informieren. Plötzlich entwickelt sich ein Problembewusstsein. Man redet über "Tatort Internet". Man redet über das Problem. Ein erster Schritt aus der Tabu-Themen-Kiste ist getan.

Ein häufig geäußerter Vorwurf ist, die Sendung sei zu "reißerisch". Lässt sich das Thema nicht anders aufbereiten?
Man kann immer alles anders machen. Insbesondere dann, wenn einer mal mutig etwas vorgelegt hat. Und insbesondere dann, wenn man selbst bis heute nichts dafür getan hat, auf diese massenhaft stattfindende sexuelle Gewalt an Kindern hinzuweisen. Wo war der Tatort Internet denn bisher in der Form Thema, dass eine breite Öffentlichkeit das Problem wahrgenommen hätte?

Viele Kritiker reiben sich an der Person Stefanie zu Guttenberg. War es falsch, eine Politiker-Gattin mit ins Boot zu holen?
Nein, wieso denn? Frau zu Guttenberg ist prominent und setzt sich für das Thema ein. Ich finde es klasse und völlig legitim, wenn Prominente ihren Namen einsetzen und damit die Aufmerksamkeit auf ein Thema wie sexuelle Gewalt gegen Kinder lenken.

In "Tatort Internet" fordern Sie regelmäßig, Gesetze zu verschärfen und "Cyber-Grooming" unter Strafe zu stellen. Die Justizministerin Leutheusser-Schnarrenberger sagt jedoch, dass dieser Tatbestand bereits seit 2004 strafbar sei. Wie kommt es zu dieser unterschiedlichen Bewertung?
Ach ja, Frau Leutheusser-Schnarrenberger. Vielleicht sollte sie einmal überprüfen, inwieweit der von ihr so viel zitierte Paragraph 176, Absatz 4, Nr. 3 strafwirksam umgesetzt werden kann. Also, ich kenne exakt einen Fall, wo ein Richter aus Ulm wagemutig in erster Instanz auf der Grundlage dieses Paragraphen verurteilt hat. Ob das Urteil letztlich "hält", ist eine andere Frage. Wenn man sich überlegt, dass dieser Cyber-Grooming-Paragraph bereits im Jahr 2004 ins Strafgesetzbuch eingefügt wurde, kann man vor diesem Hintergrund nicht gerade davon sprechen, dass dieser wirkungsvoll ist, oder? Das Problem für die Umsetzbarkeit des Cyber-Grooming-Paragraphen stellt die Art und Weise der Kommunikation zwischen zwei Menschen im Internet dar. Keiner von beiden kann sich der Identität des anderen zu 100 Prozent sicher sein. Das bedeutet, dass Laura13 - auch wenn sie im Chat viele Anhaltspunkte dafür liefert, dass sie wirklich dreizehn Jahre alt ist - eben nicht 13 Jahre alt sein muss. Und eben hier hakt der mutmaßliche Täter in seiner Argumentation ein. Er wird immer behaupten, dass er geglaubt habe, das Chat-Gegenüber habe ihn belogen. Er wird anführen, dass er sicher war, mit einem ebenfalls erwachsenen Gegenüber zu sprechen. Der Nachweis, dass er die Unwahrheit sagt, kann nie geführt werden. Deswegen ist der Paragraph nicht anwendbar, auch wenn er gut formuliert ist.

Eine Lösung des Problems scheint schwierig. Man könnte verwegen auf die Idee kommen, die Beweislast einfach umzukehren. Das geht aber aus gutem Grund verfassungsrechtlich nicht. In jedem Fall handelt es sich hier um ein Schlupfloch für Täter, das dringend geschlossen werden muss!

Kritiker wie die Bundesjustizministerin befürchten, dass Unschuldige an den Pranger gestellt werden könnten. Machen sich diese Kritiker aus Ihrer Sicht zu viele Gedanken um Täter - und zu wenige um die Opfer?

Ich denke, dass sich die Bundesjustizministerin vielleicht erst einmal der Frage annehmen sollte, wie es sein kann, dass eine gesetzliche Regelung sechs Jahre nicht zur Anwendung kommen kann und sie das nicht einmal gemerkt zu haben scheint. Denn in diesen sechs Jahren ist nicht ein Täter nach dem Cyber-Grooming-Paragraphen verurteilt worden. Das würde mir an ihrer Stelle mehr Sorgen machen.

Die Pranger-Diskussion finde ich lächerlich. Der Fokus liegt ja nicht auf der Darstellung der potenziellen Täter, sondern auf dem, was sie im Begriff sind zu tun. Wir wollen doch einmal klarstellen, dass keiner der Männer, die sich mit mir trafen, dazu gezwungen wurde. Sie erschienen völlig freiwillig und haben im Vorfeld mehr als deutlich gemacht, warum sie kommen. Ich finde es völlig korrekt und notwendig, diesen Missstand in der Form anzuprangern und darauf aufmerksam zu machen, um Problembewusstsein zu schaffen. Wo ist denn die Aufklärung für Kinder und Eltern, Lehrer oder andere, die mit Kindern arbeiten? Wie viele Kinder mussten sich bereits opfern, nur weil sie zu naiv waren, zu jung, zu gutgläubig? Und nur deshalb, weil unsere Gesellschaft wegschaut. Nun wagt es jemand von einem Pranger zu sprechen? Die mutmaßlichen Täter im Fokus des Mitleids? Mitleid genießen hier nur und ausschließlich erst einmal die Opfer und alle, die vielleicht bald Opfer werden, wenn nicht schnell etwas passiert.


Carsten Heidböhmer