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"Tatort"-Faktencheck: Wie realistisch war der Fall aus Kiel?

Kommissar Borowski bangt um seine Verlobte, seilt sich in Eigenregie mit dem psychopathischen Täter ab: Der "Tatort" aus Kiel war wahnsinnig düster. Aber war er auch realistisch? Ein Mordkommissar gibt Auskunft.

Tatort

Kommissar Klaus Borowski (Axel Milberg, li.) mit Serienkiller Kai Korthals (Lars Eidinger, re.).

So düster wie "Die Rückkehr des leisen Gasts" war der Kiel-"Tatort" schon lange nicht mehr: Kommissar Borowski (Axel Milberg) muss erneut den Psychopathen Kai Korthals (Lars Eidinger) jagen. Er kommt ihm sogar näher als gehofft, denn Korthals nimmt Borowskis Verlobte als Geisel. Blind vor Angst will der Kommissar im Alleingang seine große Liebe retten. Ein spannender Krimi - aber wie realistisch war er? Der stern sprach mit Richard Thiess über den Fall. Bis zu seiner Pensionierung im August 2014 war Thiess stellvertretender Leiter des Münchner Mordkommissariats und Leiter einer der fünf Mordkommissionen in München.


Im Film wird das Privatleben des Kommissars in den Fall hineingezogen, die Verlobte von Borowski wird entführt. Kommt es häufig vor, dass Täter persönlich werden?

Das gibt es immer wieder, dass jemand persönliche Rache an einem Beamten üben will. Auch über eine längere Zeit hinweg, zum Beispiel mit Rufmordkampagnen im Internet oder Anzeigen. Entführungsfälle sind jedoch selten, das ist eher die Ausnahme.


Weil sich Job und Privates zu sehr vermischen, geht die Beziehung von Borowski im Film in die Brüche. Haben Kommissare ein schwieriges Privatleben, weil sie Probleme oft mit nach Hause nehmen?

Ich habe an über 220 Tötungsdelikten gearbeitet, da nimmt man so einiges mit nach Hause. Ich denke zum Beispiel an einen doppelten Mädchenmord zurück. So etwas lässt einen wohl nie los, wenn man die Leichen gesehen hat oder die Angehörigen informieren musste. Wichtig ist, dass man lernt, abzuschalten und die Möglichkeit nutzt, sich mit den Kollegen auszutauschen. Wer dadurch gar kein Privatleben mehr hat, ist jedoch falsch im Beruf. Dann gibt es die Möglichkeit, sich von der Mord-Kommission zu einer anderen Dienststelle versetzen zu lassen.

Der "Tatort"-Kommissar verschweigt seinen Kollegen, dass der Täter ihn kontaktiert hat und versucht, seine Verlobte in Eigenregie zu retten. Welche Konsequenzen hätte er zu befürchten? Verlöre er den Job?

Das kommt immer auf die Zwangssituation an, in der man sich befindet. Generell ist es nicht gestattet, in eigenen Belangen zu ermitteln. Es macht auch wenig Sinn, alleine einen Fall lösen zu wollen. Alleine hat der Beamte viel weniger Möglichkeiten, kann etwa keine Telefonleitungen überwachen oder Observationen durchführen. Das kommt also selten vor. Im Fall einer Entführung könnte es allerdings Rechtfertigungen geben, von der Meldepflicht entbunden zu sein - etwa weil der Täter das Opfer zu töten droht. Da gelten bei einem Beamten die gleichen Gesetze, wie bei Zivilpersonen. Falls der Kommissar jedoch gegen die Dienstvorschriften verstoßen hat, kann es zu einem Diziplinarverfahren kommen. Eine Degradierung ist aber unwahrscheinlich, meist gibt es Gehaltskürzungen oder eine Beförderungssperre.



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