HOME

Stern Logo Tatort

"Tatort"-Kritik: Callboy, Karrierefrau und Kidnapping

Karrierefrauen und Schlappschwänze: In der Frankfurter "Tatort"-Folge "Architektur eines Todes" wird die Assistentin einer Stararchitektin in den Abgrund gestoßen. Eine Gesellschaftsanalyse um Rache, Eifersucht und rasende Liebe in düstersten Herbsttönen.

Von Kathrin Buchner

Um es gleich vorweg zu nehmen: Es ist eine Gesellschafts-Apokalypse, die in diesem Frankfurter "Tatort" ausgebreitet wird. Ein Szenario, bei dem man sofort ein Artenschutzprogramm für echte Kerle bei der "Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte" einfordern müsste. Koksender Callboy, rachsüchtiger Psychopathenkollege, gefrusteter Vollzeitvater - gezeigt wird ein Gruselkabinett der Männer-Degeneration, das entsteht, wenn Frauen das Ruder übernehmen.

Den Frauen geht es in diesem Krimi allerdings auch nicht besser - trotz Erfolg und Karriere. In "Architektur des Todes" wird die attraktive, junge Architektin (Julia Dietze) erst entführt, dann ermordet. Sie ist Assistentin von Sofia Martens, Stararchitektin, Ehefrau und Mutter zweier Kinder. Von Glanz und Glamour ist wenig zu sehen, von Anfang an wird Martens als Opfer ihres eigenen Erfolgs gezeigt, getrieben, verzweifelt, genial, machtgeil. Ein bisschen stereotyp, aber doch sehr überzeugend von Nina Petri dargestellt als eine Frau, die zu großen Taten und großer Liebe fähig ist, Charisma besitzt, aber sich in ihrem selbst gesponnenen Netzwerk verfängt.

Glücklose Lesben-Liebschaft

Systematisch wird die Traumkarriere dekonstruiert. Denn die Frau, die Gebäude mit Sonne auflädt und so leuchtende Planeten für die Stadtlandschaft baut, ist in eine glücklose Lesben-Liebschaft mit ihrer Assistentin verstrickt und lässt mit ihrer Dominanz die Männer an ihrer Seite verwelken wie ungegossene Primeln. Da ist ihr Gatte Holger (Stephan Bissmeier), der die Kinder hütet und Spaghetti Carbonara kocht, während die Erfolgsgattin bei ihrem Frauenstammtisch Drei-Sterne-Menüs verspeist. Da ist der verbitterte Jung-Architekt Peter Kaufmann (Bastian Trost), ein Schluffi mit dunkler Hornbrille und Drei-Tage-Bart, der sich an der Schulter seiner Schwester ausheult und statt mit fachlicher Brillanz seine Chefin mit anonymen Anrufen unter Druck setzt. Sogar der Callboy ist ein heulendes Elend, der seinen Kummer über die verschwundene Freundin aber wenigstens nur mit Koks zudröhnt, während die anderen beiden in ihrer Verzweiflung zu viel drastischeren Mitteln greifen, aber schwach in Charakter und Darstellung bleiben.

Genauso düster wie der Geschlechterkampf dargestellt wird, ist die Inszenierung von "Architektur des Todes" gehalten. Bleiche Farben in kaltem Neonlicht vor den glatten Fassaden Frankfurter Hochhäuser, kühle moderne Architektur, schick und aufgeräumt, ohne jegliche Wärme und Geborgenheit. Das ist durchaus stimmig, doch nervt Regisseur Titus Selge mit merkwürdiger Kameraführung, die gerne mal auf Hüfthöhe gehalten ist. Das Drehbuch von Judith Angerbauer zerfasert, zu viele Verdächtige, zu viele Nebenschauplätze, Konkurrenz am Arbeitsplatz, Stalker in Frauennetzwerken, umgedrehte Rollenbilder - keine Geschichte wird zu Ende erzählt.

Eine komplette Enttäuschung ist das Ermittlerteam: Andrea Sawatzki als Kommissarin Charlotte Sänger darf ein bisschen mit dem Callboy turteln, am Frauenstammtisch Zickenduelle austragen und sich frühlingsfarbenen Lippenstift kaufen, einer der wenigen Farbtupfer in diesem grauen Brei. Jörg Schüttauf als Kommissar Fritz Dellwo zeigt als einziger Mann zumindest ein bisschen Haltung, wenn auch im Hintergrund, ansonsten sinnieren beide ausgiebig über den Regen. Der Titel "Architektur eines Todes" ist durchaus symptomatisch für das Ermittlerteam, das einst so virtuos war, aber seinen baldigen Abtritt aus dem Frankfurter "Tatort" bereits angekündigt hat und offensichtlich schon in die innere Emigration gegangen ist. Ein Schutzprogramm für die beiden ist überflüssig.

Themen in diesem Artikel