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"Tatort"-Kritik: Der Raffzahn vom Jugendamt

Ein Mitarbeiter des Jugendamts liegt tot in der Wohnung einer alleinerziehenden Mutter, das Kind ist verschwunden. Wieder einmal führt ein Fall die Kölner Ermittler Ballauf und Schenk an die Ränder der Gesellschaft. Diesmal kann der "Tatort" aber nach längerer Durststrecke überzeugen.

Von Carsten Heidböhmer

Der Köln-"Tatort" hat sich im Laufe der Jahre zum gutmenschlichen Wohlfühlprogramm entwickelt. Nirgends sonst - neben der "Lindenstraße" - ist das öffentlich-rechtliche Fernsehen so sozialdemokratisch und so von der Mission beseelt, gesellschaftliche Aufklärung zu betreiben. Besonders oft spielen die Fälle von Ballauf und Schenk in sozialen Brennpunkten: mal geschieht ein Mord in Obdachlosenkreisen, ein anderes Mal wird ein Kinderschänder von seinen Nachbarn vorverurteilt und gemobbt, dann wieder wird ein Roma-Mädchen der Brandstiftung verdächtig.

Am Ende stammt der Mörder nie aus dem "verdächtigen" Milieu, stattdessen hat es irgendein Anzugträger getan. Menschen, die auf der sozialen Leiter weiter unten stehen, sind in dieser Welt niemals zu einer wirklich bösen Tat fähig. Das Verbrechen sitzt in den oberen Schichten.

Dieser missionarische Drang blieb nicht ohne Folgen: Die beiden Ermittler wurden so etwas wie die Peter Lustigs des deutschen Krimis: Sie hatten die Aufgabe, dem Zuschauer zu vermitteln, was er gerade gesehen hat. Auch die Konstruktion der Fälle musste sich der ideologischen Aussage unterordnen.

Erst Schlaftablette, dann Party

Der jüngste Fall von Max Ballauf (Klaus J. Behrendt) und Freddy Schenk (Dietmar Bär) folgt zunächst dem gewohnten Schema. Ein Mitarbeiter des Jugendamtes wird tot in der Wohnung einer alleinerziehenden Mutter gefunden. Er hatte vor, der Mutter ihr Kind wegzunehmen und es in ein Pflegeheim zu stecken. Die Mutter war mit der Erziehung überfordert und ließ ihre Tochter verwahrlosen. Um mit ihren Freundinnen entspannt ausgehen zu können, hat sie dem Kind eine Schlaftablette verabreicht und allein in der Wohnung gelassen. Auch in der Mordnacht. Doch am nächsten Tag ist das Kind nicht mehr da.

Die Kommissare müssen also neben dem Mörder auch ein verschwundenes Kind suchen und sich nebenbei noch um ihre schwangere Assistentin Franziska (Tessa Mittelstaedt) kümmern. Die Ermittlungen führen Ballauf und Schenk zu überlasteten Jugendamt-Mitarbeitern und zu rührenden Pflegeeltern, die auf ihrem Bauernhof Kindern ein neues Zuhause geben. Doch die Pflegeeltern handeln nicht ganz selbstlos: Weil es für jedes aufgenommene Kind ein Betreuungsgeld von 1000 Euro gibt, ist der Anreiz zum Betrug groß. Zu groß für das verschuldete Elternpaar, das zusammen mit dem stellvertretende Jugendamtsleiter einen Weg gefunden hat, ordentlich abzukassieren.

Mord aus Habgier

Am Ende ist nicht die Unterschichten-Mama für den Mord verantwortlich - wir sind hier schließlich beim Kölner-"Tatort". Vielmehr geschah der Mord aus purer Habgier: Der stellvertretende Jugendamtsleiter hat seinen Kollegen getötet - denn der war dabei, den Betrug um das doppelt abkassierte Betreuungsgeld aufzudecken.

Trotz der etwas vorhersehbaren Täterfindung: Dieser Fall ist seit Langem mal wieder einer der Besseren aus Köln. Denn die Autoren konzentrieren sich auf das Thema verwahrloste Kinder und verzetteln sich nicht in unnötigen Nebensträngen. Vor allem aber bleibt die Geschichte nah an den Figuren. Am Ende hat man sogar Mitleid mit dem von Charly Hübner in seiner Durchschnittlichkeit grandios gespielten Mörder: Durch seine Arbeit beim Jugendamt hat dieser so viel Elend sehen müssen und so wenig lindern können, dass er Geld zur Seite schaffte, um auszusteigen.

Eine nette Pointe: Ein Mensch aus der Mittelschicht, der vom Elend der Unterschicht so verstört ist, dass er straffällig wird. Damit wird das starre Gefüge von guter Unterschicht gegen moralisch verdorbene Oberschicht aufgebrochen zugunsten der Einsicht, dass doch irgendwie alles mit allem zusammenhängt. Ein Schritt in die richtige Richtung. Vielleicht führt die Einsicht, dass Probleme gesamtgesellschaftlich entstehen, auch dahin, dass der Mörder von überall kommen kann. Das macht die Fälle spannender - vor allem für den Zuschauer vor dem Fernseher.