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"Tatort"-Kritik: Die Last der Lüge

Der Tod eines Priesters führt das Münsteraner Gespann Thiel und Boerne tief in die Welt der katholischen Kirche. Dort stoßen sie auf lauter Intrigen und Vertuschungen - und erfahren, wie das ewige Leben mit Heimlichtuereien die Beteiligten moralisch deformiert.

Von Carsten Heidböhmer

Es war nur eine Frage der Zeit, wann im erzkatholischen Münster endlich mal ein Pfaffe gemeuchelt wird. In der "Tatort"-Folge "Tempelräuber", dem 16. Fall des Ermittlerduos Thiel und Boerne, war es endlich so weit: Der Leiter des Priesterseminars ist überfahren worden - und Staatsanwältin Wilhelmine Klemm (Mechthild Großmann) befindet sich in heller Aufregung: "In dieser Stadt zählt ein toter Priester so viel wie zwei tote Bürgermeister oder drei tote Polizisten". Zu allem Überfluss wäre Gerichtsmediziner Boerne (Jan Josef Liefers) bei dem Mord beinahe mit draufgegangen. Er wollte dem Opfer helfen und geriet dabei selbst unter die Räder - nun hat er zwei gebrochene Arme und muss sich von einer Haushälterin pflegen lassen.

Die Ermittlungen führen Hauptkommissar Thiel (Axel Prahl) in die klerikale Welt des Münsteraner Priesterseminars. Dort schien der Verstorbene viele Feinde gehabt zu haben - und auch sonst geht es nicht christlicher zu als in der restlichen Gesellschaft: üble Nachrede, wohin man nur blickt.

Unterdrückte Sexualtriebe unter den Talaren

Es hätte sich nun die Chance ergeben, einmal eine andere Geschichte aus dem katholischen Milieu zu erzählen als die immergleiche Saga von unterdrückten Sexualtrieben unter den Talaren. Die Ansätze waren da: "Ihr denkt auch: Entweder ein Priester hat was mit seiner Haushaltshilfe oder er ist pädophil", sagt Vize-Regent Hans Wolff (merkwürdig fehlbesetzt: Ulrich Noethen). Klar, warum sollte es nicht auch Geistliche ohne Heimlichtuereien und Geheimnisse geben?

Doch nein - der sympathische Wolff ist auch nicht anders als all die anderen (Film-)Kleriker: Er führt seit 16 Jahren eine heimliche Beziehung mit seiner Zugehfrau Karin Ellinghaus (Johanna Gastdorf), die beiden haben einen gemeinsamen Sohn - und wie sich herausstellt hat er noch eine weitere Tochter aus einer früheren Beziehung.

Drehbuchautor Magnus Vattrodt hat viel Recherchematerial in den Film einfließen lassen. Der Zuschauer erfährt, dass von 16.000 deutschen Priestern die Hälfte heimliche Beziehungen haben soll - woher auch immer diese Zahlen stammen mögen. Weiter erfahren wir, dass es Selbsthilfegruppen für katholische Priester in Beziehungen gibt - nicht in Deutschland, sondern in den Niederlanden.

"Nur die eigenen Kinder sagen Onkel"

Doch die Stärke dieses "Tatorts" liegt darin, dass er den Fokus nicht auf den Priester, sondern auf die Partnerin und ihr Kind legt. "Alle sagen zu ihnen Vater, nur ihre eigenen Kinder sagen Onkel", bemerkt Thiel - und beschreibt damit das eigentliche Thema. Nicht die vermeintlich verlogene katholische Kirche, sondern die heimlichen Familienangehörigen sind das Thema. So erklärt sich auch der Titel dieses Falls: "Tempelräuber" werden die Kinder von Priestern genannt, "weil sie der Kirche die Priester rauben".

Letztendlich war genau ein solcher "Tempelräuber" auch der Mörder des Regens' - um das Geheimnis seines Vaters zu schützen. Der 15-Jährige kommentiert den Mord seltsam unbeteiligt: Es sei für ihn "einfach nur ein weiteres Geheimnis". Die ewige Heimlichtuerei hat den Jungen moralisch völlig deformiert. Angesichts dieser Tragik treten sogar die üblichen Blödeleien zwischen Thiel und Boerne in den Hintergrund. Das ist vielleicht die größte Leistung dieses "Tatorts".