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"Tatort"-Kritik: Die Spionin, die mich liebte

Industriespionage, Hochverrat und illegaler Datentransfer: Der Hamburger "Tatort" ist ein komplex gestrickter Thriller garniert mit Gefühl: Mehmet Kurtulus wird in seiner Rolle als verdeckter Ermittler von seiner echten Freundin Désirée Nosbusch das Herz gebrochen.

Von Kathrin Buchner

Er liebt das Meer, träumt, mit seiner Yacht um die Welt zu segeln, entwickelt aber Triebwerke für Flugzeuge. Kein Wunder, dass Holger Lichtenhagen (Hansjürgen Hürrig), der mächtige Entwicklungschef des Technologieunternehmens APAT, keine emotionale Bindung zu seinem Job entwickelt. Stattdessen verkauft er mit seiner vermeintlich unehelichen Tochter, der Geheimagentin Mia Andergast (Désirée Nosbusch), Konstruktionspläne an ein schwedisches Konkurrenzunternehmen.

Das ist eigentlich schon die Quintessenz der Hamburger "Tatort"-Folge "Vergissmeinnicht", die ziemlich raffiniert und verzwickt erzählt wird mit dem üblichen Spionage-Thriller-Trick: Fast jeder der Beteiligten hat etwas zu verbergen und ist nicht derjenige, der er vorgibt zu sein. Diese Doppeldeutigkeit macht den Reiz der Geschichte aus.

Um den Maulwurf bei dem Technologieunternehmen zu finden, schlüpft Hamburgs verdeckter "Tatort"-Ermittler Cenk Batu (Mehmet Kurtulus) in die Rolle eines Pressereferenten: Der Anzug ist von der Stange, die Haare sind zu Kräusellöckchen gestutzt, die Krawatte ist korrekt gebunden und er riecht wie Vanillepudding. Damit lullt er in einer Stromberg-mäßigen Büroatmosphäre mit Am-Stuhl-Sägern und Schreibtischnattern den Entwicklungschef ein, der ihm Einzelbüro, Gehaltsverdoppelung und vor allem Informationen verspricht, bevor er am gleichen Tag noch tot aufgefunden wird. Ob Selbstmord oder Mord gilt es herauszufinden.

Bauch-an-Rücken-Kuscheln und Essens-Spielchen

Auf Actionszenen à la James Bond verzichtet Regisseur Richard Huber, der schon die zweite, mit einem Grimme-Preis ausgezeichnete Cenk-Batu-Folge "Auf der Sonnenseite" gedreht hat, dabei völlig. Stattdessen tut Batu das, was ein verdeckter Ermittler nie tun darf: Er verliebt sich Hals über Kopf ausgerechnet in eine Agentin. Die Liebesszenen mit Bauch-an-Rücken-Kuscheln und Essens-Spielchen à la "9 ½-Wochen" sind zwar sehr überzeugend, schließlich spielt Désirée Nosbusch die schöne Spionin, sie ist auch im echten Leben mit Kurtulus liiert. Der verdeckte Ermittler wird zwar menschlicher und gewinnt an Kontur, doch der Thriller verliert an Fahrt.

Spannung entsteht durch die Undurchschaubarkeit. Da werden Briefumschläge mit Konstruktionsplänen durch Autofenster, Umkleidekabinentüren und in Sporttaschen geschoben, Computer mit Spezialprogrammen geknackt, Daten hin- und hertransferiert. Nicht einmal Batus einziger Vertrauter, sein Führungsoffizier Uwe Kohnau (Peter Jordan), informiert ihn, dass der Bundesnachrichtendienst involviert ist. Schließlich geht es nicht nur um Industriespionage, sondern auch um Hochverrat.

Der Hamburger "Tatort" sticht unter den ARD-Krimis heraus, weil er eine eigene Ästhetik und Form entwickelt hat. Dazu gehören reduzierte und knackige Dialoge, der Einsatz von Splitscreens, die sehr kühle Atmosphäre, die durch die streng-geometrische und auf das Wesentliche reduzierte Bildsprache entsteht, die vielen technischen Spielereien, sowie das konsequente Einbeziehen von lokaler Architektur und Attraktionen, und zwar nicht als Selbstzweck, sondern um die Geschichte zu transportieren - der Mensch als Teil eines großen Systems. "Vergissmeinicht" fordert den Zuschauer - vielleicht sogar ein bisschen zuviel an einem Sonntagabend.