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"Tatort"-Kritik: Komödienstadel mit Kräuterhexe

Scharlatan, Hellseher und Kräuterhexe - reich an skurrilen Gestalten ist dieser Esoterik-Hokuspokus. Dem Münchner "Tatort" "Gesang der toten Dinge" könnte schon jetzt ein trauriger Rekord beschieden sein: nämlich als schlechteste Krimifolge des Jahres in die ARD-Statistik einzugehen.

Von Kathrin Buchner

Es muss wohl die Midlife Crisis sein, die den einst so gestandenen, gerne mal muffigen Macho-Kommissar Ivo Batic (Miroslav Nemec) neues Terrain jenseits des Mainstreams erforschen lässt. Ist er in einer kürzlich gesendeten Münchner "Tatort"-Folge nach Potenzstörungen beim Sex mit einer Kollegin im Schwulenmilieu gelandet, erliegt er diesmal der Aura einer Kräuterhexe (Irm Hermann) mit hellseherischen Fähigkeiten. Sie weckt seine sentimentale Ader, weil sie ihm ansieht, dass sein Hund von einem Auto überfahren wurde, als er noch ein Teenager war. Für sie nimmt Batic das Geräusch eines Paternosters auf und philosophiert bei einer Tasse Tee über ihre Musikkompositionen aus Türenquietschen und Uhrenticken.

Schön schräg könnte man des Kommissars Ausflüge in das Hexenhäuschen mitten im Nymphenburger Schlosspark finden. Doch leider ist diese moderne Walburga nur eine von allzu vielen klischeehaft gezeichneten Spinnern der "Tatort"-Folge "Gesang der toten Dinge". Darin wird die Fernsehastrologin Doro Pirol in einer gutbürgerlichen Villa im Münchner Stadtteil Nymphenburg erschossen aufgefunden. Ein Abschiedsbrief suggeriert Selbstmord, doch das Schreiben entpuppt sich als Fälschung.

Hellseher und Energiearbeiter

An Verdächtigen mangelt es nicht: Ihr Stiefvater ist ein selbsternannter Psychometrie-Professor, der Holzketten über bunten T-Shirts trägt. An seinem parapsychologischen Institut forscht er an übersinnlichen Phänomenen und weissagt dabei Aktienkurse mit Hilfe von Eingebungen seiner Klienten. "Deswegen die Finanzkrise", kommentiert Kommissar Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl) trocken. Die beste Freundin hat die Tote mit ihrem Mann betrogen und arbeitet "mit Energie". "Bei den Stadtwerken?", fragt Leitmayr. "Mit Kristallen", rückt die rotblonde Selina zurecht.

Zuviel Themenstränge ohne Verdichtung

Derlei Kalauerdialoge werden noch etliche folgen. In seinem "Tatort"-Debüt mixt Regisseur Thomas Roth ein schwerverdauliches Gebräu aus Mystik, Hellseherei und Parapsychologie. Zuviel Handlungsstränge werden verbunden, zwischen Räucherstäbchen und Batikteppichen findet keine Verdichtung statt. Dabei hätte es an guten Geschichten nicht gemangelt: Sowohl der Zweifel an Schulmedizin, das fragwürdige Geschäft mit der Astrologie als auch Scharlatane, die mit dem Schicksal gutgläubiger Anhänger spielen, hätten jeweils Stoff genug für einen ganzen Krimi geboten.

Doch noch schlimmer als mangelnde Verdichtung und schlechter Klamauk ist, dass Drehbuchautor Markus Fenner seine Charaktere offensichtlich nicht ernst nimmt: Der Ehemann der Toten (Andre Eisermann) empfängt in seinem zuckenden Oberkörper die botschaften des Erzengels Gabriel, sitzt aber im buddhistischen Mönchsoutfit mit orangefarbener Pumphose und blankem Oberkörper vor seiner Marienstatue. Ivo Batic schwärmt von den Heilkräften der Kräuterhexe, die seinen Knöchel einrenkt, "er fühlt sich an wie neu", trotzdem humpelt er danach weiter. Neu-Ermittlerin Gabi Kunz (Sabine Timoteo) brilliert zwar mit analytisch-organisatorischen Fähigkeiten, wird aber durch das übertriebene und schwerverständliche Schwyzerdütsch ihrer Aussprache zur Witzfigur degradiert.

Am Ende erweist sich der Stiefvater als Erbschleicher und landet im Restmüllcontainer. Dorthin gehört auch die "Tatort"-Folge. Das Überirdische ist unterirdisch, ein Komödienstadel mit Kasperlfiguren. Allein Kommissar Batic' kuriose Ausflüge in den Märchenwald bieten interessante Einblick in das Seelenleben eines verunsicherten Mannes. Kann man nur hoffen, dass er bald wieder sein inneres Gleichgewicht findet.