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"Tatort"-Kritik: Psychoterror im Supermarkt

Überstunden, Taschenkontrollen und Psychodruck - das ist der Arbeitsalltag in vielen Billig-Supermärkten. Als der Gebietsleiter einer solchen Discounter-Kette ermordet aufgefunden wird, stoßen die Ludwigshafen "Tatort"-Kommissare Folkerts und Kopper bei ihren Ermittlungen auf Mitarbeiter am Rande des Wahnsinns.

Von Kathrin Buchner

Hauptsache billig, Geiz ist geil und Superschnäppchen lassen wir uns ungern entgehen. Dank Aldi, Lidl, Penny und Co gibt es hierzulande Lebensmittel zu Billigpreisen und wir greifen gerne zu. Doch mit jeder noch so banalen Kaufentscheidung beeinflussen wir die Bedingungen in unserer Gesellschaft: Ob Hühner in Legebatterien leben oder Menschen wie in einem Zuchthaus arbeiten.

Der Ludwigshafener "Tatort" mit dem plakativen Titel "Kassensturz" verpasst den Kassiererinnen und Regal-Auffüllerinnen eines beliebigen Discounters in unserer Umgebung Gesichter, Geschichten, Schicksale. Die junge Beate Schütz (Stefanie Stappenbeck), die vom Chef sexuell belästigt wird, die überarbeitete Filialleiterin Hannelore Freytag (Traute Hoes), die aufmüpfige Mitarbeiterin Gisela Dullenkopf (Barbara Philipp), der falsche Abrechungen untergeschoben werden, damit sie selbst kündigt, und der skrupellose Konkurrent Günter Novak (Jan Hendrik Stahlberg), der dem Chef des Nebengebiets die Filialen abjagen will. Genug Motive für einen Mord.

"Willlkommen in der Hölle"

Der ermordete Boris Blaschke (Andreas Windhuis) wird auf einer Mülldeponie gefunden. Er war Gebietsleiter der Discounter-Kette "Billy", ließ seine Mitarbeiterinnen bespitzeln, weil sie einen Betriebsrat gründen wollten, hatte keinerlei Privatleben, weil er unter extremen Erfolgdruck stand. Täter und Opfer zugleich. Seine Chefin sagt Sätze wie: "Bei uns im Niedrigpreissegment ist für Emotionales kein Platz", und stellt gleich nach seinem Tod schon den ärgsten Konkurrenten Blaschkes als Nachfolger bereit. Der wird grandios eklig und menschenverachtend von Jan-Hendrik Stahlberg gespielt und begrüßt im Krimi seine neuen Mitarbeiter mit dem Spruch "Willkommen in der Hölle".

Hauptkommissarin Lena Odenthal (Ulrike Folkerts) und Kollege Mario Kopper (Andreas Hopper) durchforsten also das berufliche Umfeld des Opfers und bekommen erschütternde Einblicke in die Arbeitsbedingungen in Billig-Supermärkten, wo Mitarbeiter unbezahlte Überstunden schieben, Taschenkontrollen und Bespitzelungen üblich sind, und der Chef nicht nur seine Untergebenen regelmäßig zusammenbrüllt, sondern sie auch mit Waren bewirft und. Der Mord ist eigentlich ein Totschlag: Denn gerade als Blaschke seine Filialleiterin verprügelt, kommt der Mann der jungen Mitarbeiterin Schütz dazu und schlägt den Peiniger mit der Markisenstange nieder, den entscheidenden Schlag verpasst die Filialleiterin mit einer Flasche.

Ungeschminkte Wahrheiten über unsere Konsumgewohnheiten

Frustrierte Frauen in Großaufnahme, keine Schminke wurde verwendet, selbst die Augenringe des tatsächlich überarbeiteten Jan Hendrik Stahlberg waren echt. Odenthals hoffnungsfrohes Outfit mit Mantel in grün kontrastiert die schrill-gelben Kittel der Verkäuferinnen, die ihre fahle Haut noch blasser aussehen lässt. Streckenweise ist die Inszenierung hölzern, das Thema macht es wett: Für das Drehbuch haben Regisseur Lars Montag und Stephan Falk bei Gewerkschaften; Filialleitern und Kassiererinnen recherchiert, sogar noch heftiger seien manche Vorfälle in der Realität gewesen, sagt Montag.

Dass die Zustände in solch Billig-Supermärkten nicht übertrieben sind, wissen wir spätestens seit der von stern.de aufgedeckten Bespitzelungsaffäre bei Lidl. Just während der Dreharbeiten zu "Kassensturz" wurde diese Aktion auch noch bekannt.

Kaum ein "Tatort" ist so wertvoll wie dieser. Denn keine noch so gut gemachte Reportage kann den Zuschauer so tief in das Schicksal gepeinigter Angestellter einführen, kann sie emotional so bewegen. Und wenn Sie das nächste Mal beim Einkaufen im Billigmarkt um die Ecke ein mulmiges Gefühl beschleicht und Sie sich fragen, warum die Waren eigentlich so billig sein können, war jeder Cent für diesen "Tatort" bestens investiert. Allein die Nebenhandlung mit Assistentin Kellers Hollywood-Radio-Rätsel ist so überflüssig wie die nächste neue Discounter-Filiale.