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"Tatort"-Kritik: Rechte Schläger und Rock'n'Roll

So viel Musik war noch nie in einem "Tatort". Ex-Serienstar Jeanette Biedermann spielte quasi sich selbst. Bluesbarde Stefan Gwildis, die Bands Mia und Revolverheld gaben Gastauftritte. Trotzdem traf der Krimi nicht ganz den richtigen Ton.

Von Kathrin Buchner

Würde man eine Statistik über gesellschaftlich-politische Themen, die im "Tatort" behandelt werden, aufstellen, stünden Neonazis sicher ganz oben auf der Liste. Umso erfreulicher ist es, wenn ein neuer Ansatzpunkt und eine frische Verpackung gefunden wird, wie in der Folge "Schwelbrand".

Und so lässt sich die Folge gut an: Offensichtlich bemüht sich die ARD um ein jüngeres Publikum - auch beim "Tatort". Denn in "Schwelbrand" gibt es ein Stelldichein der deutschen Musikszene. In Bremen soll ein "Rock gegen Rechts"-Festival stattfinden. In den Hotels der Stadt tummeln sich deutsche Popmusiker, darunter so bekannte Gesichter wie Sänger Stefan Gwildis, die Band Mia, Revolverheld und allen voran Ex-Serienstar und Sängerin Jeanette Biedermann in der Hauptrolle als Sängerin Dana. Parallel dazu sammeln sich die Rechten zu Protestveranstaltungen, es wimmelt von Glatzen in der Stadt. Ein Plakatekleber mit dunklerer Hautfarbe wird lebensgefährlich verprügelt, der Verdacht fällt auf die Neonazis.

Als der Mann im Krankenhaus stirbt, geschieht ein zweiter Mord: Die Assistentin von Dana liegt erschlagen auf der Straße. Danas Bruder (Sven Fricke) wiederum ist ein Mitläufer der rechten Szene, der als V-Mann für den Staatsschutz arbeitet und lieber mit Worten als mit Fäusten kämpft.

Schlips statt Springerstiefel, knackige Parolen statt Baseballschläger - eigentlich wollte Regisseur Thorsten Näter zeigen, wie die rechte Szene ihr Image verändert, um Wähler aus der Mitte der Gesellschaft zu gewinnen. Der eigentliche Mord hat damit aber überhaupt nichts zu tun. Dadurch werden die Informationen über die Machenschaften der Neonazis nicht organisch über Bilder und Dialoge transportiert, sondern lehrbuchhaft und statisch: Als ein moderner Rattenfänger schwingt einer der intelligenteren Rechten pseuodoliberale Reden. Und als Experte für Antifaschismus fungiert Buddy Elias, der letzte lebende Verwandte von Anne Frank, und drischt Phrasen über die Entwicklung der Neonazi-Bewegung.

Morddrohungen von Irren im Internet

Unterdessen verliert sich die Handlung in zahlreichen Verstrickungen und Nebenschauplätzen. Da wird über einen fanatischen Fan, der in Mordverdacht gerät, das Thema Stalking am Rande eingebracht, da plaudert Stefan Gwildis über Irre im Internet, Musikpuristen, die per E-Mail Morddrohungen schicken.

Biedermann schwach, Dialoge Telenovela-mässig platt

Die platten Telenovela-Dialoge zwischen Dana und ihrem Bruder, die konventionelle Kameraführung und die unschlüssige Haltung der Ermittler - Kommissarin Inga Lürsen (Sabine Postel) und ihr Assistent Nils Stedefreund (Oliver Mommsen) bringen wenig Schwung in die Handlung. Lürsens friesisch-herber Charme zündet diesmal überhaupt nicht, ihr Assi bleibt farblos. Und Jeanette Biedermann ist der anspruchsvollen Rolle nicht gewachsen. Steif und hölzern wirkt ihre Mimik, erst gegen Ende als reuige Mörderin im Affekt, die ihre Erpresserin in einem spontanen Wutausbruch niederschlägt, lässt sie ein wenig Können aufblitzen. Nur auf der Bühne, da ist die Biedermann total überzeugend.

Die ARD-Attraktivitätsattacke auf das junge Publikum mit politisch-korrektem Stoff ist ehrenwert. Doch wenn der Takt in der Geschichte nicht stimmt, können noch so viele Musiker für den "Tatort" trommeln, er reißt nicht mit. Zumindest der Schlussakkord ist gelungen: Der Fall ist zwar gelöst, aber die weitere Karriere von Danas Bruder bleibt offen.