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Kritik zum "Tatort" Der Tod in der U-Bahn


Der Berliner "Tatort" geht ganz nah ran an die reale Angst vor Gewaltexzessen im öffentlichen Raum, wenn er vom Totprügeln in der U-Bahn erzählt. Zu nah.
Von Sophie Albers Ben Chamo

Wann immer wir uns zu Unterhaltungszwecken gruseln lassen, gibt es eine Art unausgesprochenen Vertrag zwischen uns Zuschauern und denen, die uns in die Gefühlsachterbahn setzen, in diesem Fall die "Tatort"-Macher: so weit weg von uns wie möglich und so logisch wie nötig. Bestes Beispiel war der unfassbar fiese, Albtraum fabrizierende, nackenhaardrehende Frauenmörder in Christian Alvarts "Tatort" "Borowski und der stille Gast". Der neue Berliner "Tatort" aber hat diesen Vertrag gebrochen.

"Gegen den Kopf" ist eine reichlich reale Nacherzählung des Mordes an Dominik Brunner. Der Manager war 2009 von Jugendlichen in der Münchner U-Bahn zu Tode getreten worden, nachdem er eingeschritten war, als diese andere Kinder bedrohten. Dieser Realitätsbezug macht den Sonntagabend-Krimi trotz schnell und gut erzählter Geschichte und gut ausgeleuchteter Figuren zu einem unangenehmen Vergnügen. Denn aus dem Grusel wird echte Angst.

"CSI"-isierung

Der 38-jährige Familienvater Mark Haessler (Enno Kalisch) verreckt auf einem U-Bahnsteig in Berlin, nachdem er zwei betrunkene Jungs zur Rede gestellt hat. Die hatten einem alten Mann den Krückstock weggenommen und Geld gefordert. Spätestens als Haesslers zusammengetretene Leiche beim Pathologen liegt, reicht es einem schon. Sofort sind die Bilder da von Brunner, Giuseppe M. oder auch Johnny K. (Letzterer starb nicht in der U-Bahn) als Todesopfer motivloser Gewaltexzesse. Dazu kommen die in zuweilen regelmäßigen Abständen allein in Berlin veröffentlichen Suchmeldungen nach "U-Bahnschlägern" mit Hilfe von Bildern der Übewachungskameras.

Die Kamerabilder sollen auch hier helfen. Überhaupt ist "Gegen den Kopf" ziemlich "CSI"-isiert. Der Schnitt ist schnell, Passwörter werden geknackt, Cloud-Speicher geleert und Sim-Karten verzweifelt gesucht. Lustigerweise ist es am Ende aber doch ein guter alter Anrufbeantworter, der die entscheidende Aufnahme enthält. Aber all das lenkt immer nur kurz ab von der ohnmächtigen Angst, zur falschen Zeit am falschen Ort einem jämmerlichen Exemplar Mensch zu begegnen, das sein Testosteron nicht unter Kontrolle hat, das ohne mit der berühmten Wimper zu zucken gleich ganze Familien zerstört.

Das einzig richtige letzte Bild

Vielleicht deshalb wird es auch noch ein bisschen pädagogisch, wenn es am Ende natürlich doch das reiche Söhnchen und nicht der vorbestrafte Proll war. Dass wiederum Frau und Kind, deren Leben so zerschlagen ist wie der Körper von Mann und Vater, das Schlussbild sind, ist schlicht und ergreifend richtig.

Allerdings hätte ich da noch eine ganze andere, total persönliche Frage: Wer von Ihnen ist nach einem viel zu kurzen, durchwachsenen Berliner Sommer auf die glorreiche Idee gekommen, uns Anfang September Kommissare im Schnee vorzusetzen, liebe "Tatort"-Macher? Das hat der Abendunterhaltung echt den Rest gegeben.


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