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Schauspieler Peter Jordan: Über den Jordan

Ist das nicht dieser Typ aus dem "Tatort"? Sein Gesicht erkennt man sofort. Doch ein Star war Peter Jordan bisher nur im Theater. Das muss sich ändern. Denn der Mann ist einer der besten Schauspieler, die wir haben.

Von Tobias Schmitz

Seine Mutter kann es noch immer nicht ganz fassen. Deshalb zunächst eine beruhigende Mitteilung für Frau Elke Jordan aus Dortmund-Gartenstadt: Ihrem Sohn Peter geht es gut! Es könnte ihm nicht viel besser gehen. Er ist gesund. Er hat einen Beruf, den er liebt. Er hat eine Frau, die er liebt. Er hat - zumindest bis Weihnachten - ein geregeltes Einkommen. Machen Sie sich, liebe Frau Jordan, also keine Sorgen um Ihren Jungen. Er ist absolut großartig. Und richten Sie bitte auch Ihrem Ehemann Bernhard und Ihrer Tochter Heike aus: alles in Butter! Es ist ein Geschenk, dass Peter Jordan Schauspieler geworden ist. Und nicht Arzt, wie Sie alle so lange gehofft hatten. Vielleicht hilft es, das mal schwarz auf weiß zu lesen. Ende der Durchsage.

Zurück auf Anfang. Ständig wird ihm Kaffee angeboten. "'n Kaffee?" Oder: "Vielleicht einen Kaffee, Herr Jordan?" Oder: "Na, Peter? Kaffee?" Oder gar: "Müde? Hab Kaffee!" Nein! Das mit der Müdigkeit ist ein Missverständnis! "Ich hab einfach so hängende Augen", sagt Peter Jordan, "ich kann da nichts für." Er hätte allen Grund, ab und an ein bisschen müde zu wirken. Jordan ist einer der meistbeschäftigten deutschen Schauspieler - auch wenn seine Fernseh- und Kinokarriere gerade erst zu beginnen scheint.

Die meisten Auftritte

Am Hamburger Thalia-Theater war Jordan in der vergangenen Spielzeit der Mann mit den meisten Auftritten. Fast Abend für Abend auf der Bühne, immer mit dieser ganz besonderen Ausstrahlung. Blass, englisch irgendwie, ein Halbbruder der britischen Stil- und Musikikone Malcolm McLaren vielleicht.

Spielte montags eine bemitleidenswert tragische Figur, dienstags einen außer Kontrolle geratenen Verrückten und war mittwochs begnadeter Komödiant, Kalauerkönig, Rampensau. Kürzlich für eine Radioproduktion sogar eine Ziege, "Geheimagent Null Null Ziege" genauer, in einem Kinderhörspiel. Gerade hat er das Ensemble des Thalia Theaters verlassen, um als freier Künstler zu arbeiten. Er kann es sich leisten: Im Salzburger "Jedermann" gibt er in diesen Tagen den Teufel; Ende August ist er im Hamburger St. Pauli Theater in Yasmina Rezas Komödie "Kunst" zu sehen.

Obwohl Jordan seinem Beruf seit gut 15 Jahren nachgeht, bemerkte ihn ein größeres Publikum jenseits von Theaterfans erst vor Kurzem - seit der 42-Jährige in den neuen Hamburger "Tatort"-Folgen den Chef des verdeckten Ermittlers Cenk Batu spielt. Rollenname: Uwe Kohnau. Besondere Merkmale: auf den ersten Blick keine. Auf den zweiten aber umso mehr. Es gehört viel Klasse dazu, sich zur Fernseh-Primetime in solcher an Selbstauflösung grenzenden Zurückhaltung zu üben und dennoch im Gedächtnis zu bleiben.

"Kleine, feine Gesten"

"Tatort konnte ich eher aussprechen als Theater", sagt Peter Jordan, "ich schätze diese Rolle sehr, weil ich sie so reduziert spielen kann. Mit ganz kleinen, feinen Gesten. Ohne Gelaber. Laberfernsehen ist unerträglich." Er mag keine großen Worte. Muss an seiner Herkunft liegen, an dieser Ruhrgebietsbiografie: geboren und aufgewachsen in Dortmund, Vater Krankenpfleger, Mutter Hausfrau. Im Ruhrpott wird kein Satz zu viel gesprochen. Da gilt: Kannste wat, wirste wat, kannste nix, wirste nix.

Seine Lehrer trauten ihm das Abi nicht zu, schickten ihn zur Realschule. Peter Jordan lernte. Und verliebte sich, als er in die Pubertät kam, nicht in ein Mädchen, sondern in Leistung. "Life is a battle - das war mein Motto", sagt er heute und kann über so viel Ehrgeiz inzwischen lachen. Das Leben als Kampf, aus dem nur siegreich hervorgeht, wer es höher, schneller, weiter schafft. Jordan, die Beine dünn wie Bohnenstangen, fing damals an zu laufen, bald 22 Kilometer am Tag. Es wurde zur Sucht.

Erster Marathon mit 15 in drei Stunden 23 Minuten. Mit 17 schon dreinulldrei. Jordan wechselte die Schule und machte - "Ich war ein richtiger Streber!" - das zweitbeste Abitur. Dann Zivildienst bei der Caritas, Altenpflege im Akkord, "sechs Vollwaschungen pro Tag", bis der Rücken kaputt war. "Muskeln", sagte der Arzt zu Jordan, "Sie brauchen Muskeln!" Also begann er mit Krafttraining. Die nächste Sucht. Noch heute geht er vor anstrengenden Auftritten zehn, zwölf Kilometer laufen und ins Fitnessstudio, "in kleine Buden, wo die Jungs Klingeltöne tauschen". Das entspannt so schön.

Intonationsgespür

In der Schule, Jordan war 17 Jahre alt, hörte er, wie in der Theater-AG ein Mitschüler den Satz "Jawohl, Herr Direktor!" sprechen musste. Für Jordan war das eine Qual. So doch nicht, dachte er, das muss man doch anders sagen! Zackiger, preußischer! "Jawollherrdirektor!" Er sagte es einfach. Es passte.

Mitschüler kicherten, die Lehrerin war begeistert und Peter Jordan verblüfft, mit wie wenig Mitteln er einen so großen Lacher erzielen konnte. Noch immer ist das sein Geheimnis als Schauspieler: keine grellen Effekte, nichts Aufgesetztes, kein Jota zu viel Spiel. Dafür umso besseres Timing, umso größere Präzision. Damals jedenfalls durfte er mitspielen. Frau Schmitz, die Lehrerin der Theater-AG, gab ihm nicht eine Rolle, sondern vier. Eine Art Erweckungserlebnis.

"Trotzdem wollte ich das nie beruflich machen", sagt Jordan, "Schauspieler waren für mich immer so schwarz gekleidete Typen, die humorlos um sich selbst kreisen." Also studierte er in Essen Medizin, um Unfallchirurg zu werden. Diese Spezies Menschen findet er bis heute "sexy und heldenhaft". Jordan grinst, verzieht das Gesicht, spricht plötzlich mit Actionfilm-Stimme: "Als Arzt gehst du sauber rein, klärst die Sache und kommst schmutzig wieder raus. Ein Job ohne Fragen. Wie bei Bruce Willis - großartig!" Meint er das ernst? "Aber ja! Ich liebe das! Wenn auf der Straße einer umfällt, renne ich sofort hin und helfe! Das ist dann zwar gefährliches Halbwissen, aber die Grundlagen habe ich noch drauf."

Das Theater ruft

Anfang der 90er Jahre erfuhr Jordan, dass es ein ehemalliger Kumpel aus der Dortmunder Schultheaterszene an eine Schauspielschule geschafft hatte. Noch immer dachte er, an solchen Schulen ginge es zu wie im Kultfilm "Fame": 20 Egozentriker in hautengen Gymnastikhosen auf einem Haufen. Eitle Selbstbespaßung, großes Drama. Trotzdem sprach er in Hamburg vor - und wurde sofort genommen. Adieu Arzt.

Für seine Eltern ein Schock. "Meine Mutter brach in Tränen aus, mein Vater war wütend, weil ich so lange so hart fürs Medizinstudium gelernt hatte." Das erste feste Engagement in Rostock brachte ihm 1994 pro Monat 900 Mark netto. "Andere Leute arbeiteten in der Zementfabrik, ich bekam Geld dafür, dass ich auf der Bühne rumblödeln durfte. Fand ich toll!"

Schon ein Jahr später folgte der große Schritt ans renommierte Bochumer Schauspielhaus. Beim Vorsprechen überzeugte Jordan gleich drei ganz Große seiner Zunft. Die Regisseure Dimiter Gotscheff, Jürgen Kruse und Leander Haußmann waren sich einig: Dieser Blasse, der hat was.

Kritisch beäugt

In Bochum lernte Jordan auch seine Lebensgefährtin Maren Eggert kennen (bekannt als Polizeipsychologin Frieda Jung im Kieler "Tatort"), mit der er im Jahr 2000 ans Hamburger Thalia Theater wechselte. Dort inszenierte Jürgen Kruse mit Jordan gleich den "Hamlet". Eine harte Schule. Das neue Ensemblemitglied wurde von den etablierten Kollegen äußerst kritisch beäugt. Warum bekommt dieser Typ sofort die Hauptrolle? "Im ersten Hamburger Jahr hatte ich noch Feinde", sagt Jordan, "aber danach ging's."

Weil die Kollegen seine Klasse anerkennen mussten? Weil sie langsam begriffen, warum das Publikum diesen merkwürdigen Kerl so liebte? Der Mann war leider einfach gut. Vor allem konnte er unglaublich komisch sein - etwa in der Thalia-Eigenproduktion "Thalia Vista Social Club", einer herrlich abgedrehten Rentner- Revue, von der ursprünglich fünf Vorstellungen geplant waren und bis heute mehr als 280 gespielt sind.

"Ich scheine 'funny bones' zu besitzen", sagt Jordan über sein Talent, "wenn ich mir die Brille schief auf die Nase setze, sieht das bei mir offenbar lustiger aus als bei anderen." Das mag sein. Ein komisches Gesicht aber, das sich permanent in den Vordergrund drängt, nervt schnell. Jordan macht diesen Fehler nicht. Er, der den Humor Jacques Tatis, Steve Martins oder Leslie Nielsens liebt, weiß genau, wann er sich zurücknehmen muss. Und welche Süße in Momenten liegt, in denen Komik und Tragik ganz nah beieinander liegen.

Das fand auch Regisseur Lars Jessen, der Peter Jordan in seinem Film "Die Schimmelreiter" die erste Kino-Hauptrolle gab. "Er ist ein Unterhaltungskünstler mit Betonung auf beiden Wortteilen", sagt Jessen, "ein 100-prozentiger Komödiant. Sein Sinn für Humor muss Teil seiner Dortmunder Seele sein."

Das müde Aussehen

Aufs Kino- und Fernsehfach ist Peter Jordan gerade besonders neugierig, weil er sich dort eher am Anfang seiner Karriere sieht. "Da ist noch Land zu erobern. Vielleicht werde ich ja noch entdeckt?" Dass ihn Tom Tykwer für eine Nebenrolle als Arzt in seinen Thriller "The International" auswählte, ohne ihn je am Theater gesehen zu haben, macht Jordan stolz. "Wahrscheinlich sah ich beim Casting genauso müde aus, wie ein Arzt müde auszusehen hat." Die Erfahrung, eine Szene mit einem Weltstar wie Clive Owen zu spielen, begeistert ihn noch immer wie ein kleines Kind. "Als Nächstes hätte ich gerne Russell Crowe", sagt Jordan feixend, "ich habe immer das Gefühl: Das richtig dicke Ding kommt noch." Klingt ironisch, ist es aber nur zum Teil.

Zunächst aber kommt etwas anderes, eine neue Herausforderung: Mit Partnerin Maren Eggert ist Jordan gerade nach Berlin gezogen. Sie spielt am Deutschen Theater, er arbeitet frei, ist zum ersten Mal in seinem Leben ohne festes Engagement. Lange hatte er sich Gedanken darüber gemacht, ob er das Wagnis eingehen könne. "Ich komme aus einer Familie, die nie viel Geld hatte. Und ich denke: Was nützt es, dass ich ein toller Schauspieler bin, wenn ich meine Miete nicht zahlen kann?"

Bis Weihnachten hat Jordan erst einmal genug bezahlte Arbeit sicher. Er freut sich jetzt auch auf Abende, an denen er mal frei hat. "Da werde ich mich mit einer Flasche Rotwein und zwei Cheeseburgern vor den Fernseher setzen und zwei Stunden lang zappen. Großartig!"

Aber keine Sorge, Frau Jordan, Ihrem Sohn Peter wird es auch weiterhin gut gehen. So einer wie der wird nicht arbeitslos.

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