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Pro und Contra: Ist der "Tatort" zu weit gegangen?

Der Münsteraner "Tatort"-Kommissar jagt einen Serien-Vergewaltiger: War der aktuelle Fall von Thiel und Börne eine gelungene Gratwanderung zwischen Komik und ernstem Thema? Oder wurden Frauen, die bedroht und vergewaltigt werden, veralbert? Kathrin Buchner und Carsten Heidböhmer sind unterschiedlicher Meinung.

Staatsanwältin Wilhelmine Klemm (Mechthild Großmann) konfrontiert Hauptkommissar Frank Thiel (Axel Prahl) mit der Skandalschlagzeile der Zeitung

Staatsanwältin Wilhelmine Klemm (Mechthild Großmann) konfrontiert Hauptkommissar Frank Thiel (Axel Prahl) mit der Skandalschlagzeile der Zeitung

"Wolfsstunde" heißt der "Tatort" aus Münster: Eine Studentin wird ermordet gefunden, sie ist geknebelt und vergewaltigt worden. Sowohl für Gerichtsmediziner Börne (Jan Josef Liefers) sowie Staatsanwältin Wilhelmine Klemm (Mechthild Großmann) und Assistentin Nadeschda (Friederike Kempter) ist der Fall ziemlich schnell klar: Der kokainabhängige Ex-Freund des Mordopfers war der Täter. Doch Hauptkommissar Frank Thiel (Axel Prahl) stößt auf einen ähnlichen Fall: Eine Bankangestellte wurde auf eine sehr ähnliche Art gequält, aber sie überlebte. Thiel glaubt daran, es mit einem sexuell gestörten Serientäter zu tun zu haben und verfolgt die Spur gegen den Widerstand der Kollegen - der Erfolg gibt ihm Recht.

Pro
Contra
Von Carsten Heidböhmer

Bislang war der Münster-"Tatort" für seinen flotten Wortwitz und die bisweilen zur Albernheit neigende Komik bekannt, nicht aber für besonders spannende und tiefschürfende Fälle. Man schaute sich das Münsteraner Team hauptsächlich an, um Zeuge der mit bösem Witz getränkten Dialoge zwischen Hauptkommissar Thiel (Axel Prahl) und Gerichtsmediziner Boerne (Jan Josef Liefers) zu werden. Um zu sehen, wie sich Boerne und seine Assistentin "Alberich" giftige Wortduelle liefern. Und um eine der zahlreichen Slapstick-haften Szenen zu erleben, etwa wenn Thiel die Staatsanwältin im Bett seines bekifften Vaters erwischt. Dass es eigentlich in einem "Tatort" darum gehen sollte, einen Mörder zu fangen, war nebensächlich. Die eigentlichen Fälle nie mehr als schmückendes Beiwerk.
Von Kathrin Buchner

Eigentlich hätte dieser "Tatort" einen Warnhinweis bekommen sollen: Achtung, hier finden Sie keine launige Krimi-Comedy wie üblicherweise bei den Münsteraner Episoden, hier ist purer Zynismus am Start. Bisher war es immer höchstkomisch, was Jan Josef Liefers als Gerichtsmediziner Börne und Axel Prahl als Hauptkommissar Thiel in Münster abzogen: Jenseits von bierernstem Ermittlungsdrama parodierten sie das Krimi-Genre mit einem Hauch Anarchie und ein bisschen archaisch: Mal trieben sie sich im Kettenhemd auf Schlössern herum, mal jagten sie durchgeknallte Okkulisten.
Die aktuelle Folge "Wolfsstunde" hat mit diesem Schema gründlich gebrochen. Spielten die Folgen bislang zumeist in einem etwas märchenhaften Setting auf Schlössern, Landsitzen oder Friedhöfen, katapultiert der neue Fall den Zuschauer mitten hinein in die bundesdeutsche Realität. Es geht um einen grausamen Fall von Mord mit schwerer Vergewaltigung. Starker Tobak für einen Sonntagabend. Auch Hauptkommissar Thiel ist von der Schwere des Verbrechens geschockt und hängt sich bei der Verbrechersuche besonders rein. Sein Kollege Boerne führt die Ermittlungen dagegen mit seinen üblichen humoristischen Sperenzchen. Das gipfelt darin, dass er eine sexuell missbrauchte Bankangestellte verhöhnt, indem er deren Traumata kurzerhand mit dem Gebrauch von Psychopharmaka erklärt. Da lacht der Zuschauer dann nicht mehr mit. Denn in dieser Szene stellt Boerne mit seinem gewohnt Selbstgefälligen Gestus nur seine Unwissenheit unter Beweis und offenbart sich so als kompletter Narr.

So ist man als Zuschauer von dem Fall gefesselt und ertappt sich doch immer wieder bei einem Lacher. Etwa als Boerne in einem Chatraum unter dem Pseudonym "Tristan" tagelang eine Frau namens "Zaunkönigin" bezirzt und sich mit ihr zum Abendessen in einem edlen Restaurant verabredet - wo sich die unbekannte Schöne dann als "Alberich" entpuppt. Diese Szenen bilden keinen Bruch mit den intensiven Momenten, wenn Thiel das Trauma der vergewaltigten Bankangestellten aufarbeitet. Vielmehr stehen sie in einem reizvollen Spannungsverhältnis nebeneinander. Denn dieser "Tatort" ist komplex und widersprüchlich wie das Leben selbst, wo es nirgends die Trauer oder die Komik in Reinform gibt, wo immer wieder kontrastierende Gemütszustände aufeinander prallen.

Das Wichtige ist: Der Film macht sich zu keiner Zeit über die Opfer oder den Täter lustig. Lächerlich machen sich vielmehr die vorschnell urteilenden Ermittler. Mit Ausnahme von Thiel beschreiten sie alle blind vor Ignoranz den Holzweg. Und Professor Boerne stellt sich bei der Suche nach seinem privaten Glück genau so tollpatschig an wie bei der Suche nach dem Sexualtäter. Über Ersteres lachen wir - bei Letzterem bleibt uns das Lachen im Halse stecken. So liefert diese "Tatort"-Folge eine spannende Meditation über die enge Verwandtschaft von Tragödie und Komödie.
Doch bei "Wolfsstunde" geht es nicht um vierschrötige Adelige oder Grufties, die sich auf Friedhöfen treffen. "Wolfsstunde" trifft mitten ins Mark der Gesellschaft, ins tägliche Beziehungsleben von modernen Single-Frauen, zeigt Szenarien, deren pure Vorstellung pures Entsetzen hervorruft. Ein Unbekannter bricht durch die Balkontür ins Schlafzimmer einer jungen Studentin ein. Er fesselt sie im Bett, knebelt sie mit Paketband, quält sie, lässt sie liegen, trinkt seelenruhig ein Bier, macht sich Essen, pinkelt ins Klo. Dann vergewaltigt er sie und erstickt sie. Man sieht diese Szenen, nicht bis zum bitteren Ende, aber deutlich genug und immer wieder, auch bei einer zweiten Frau. Quälende Szenen, die keinerlei emotionalen Widerhall im Team finden. Hauptkommissar Thiel ist der Einzige im Münsteraner Team, der eine gewisse Betroffenheit zeigt. Er stößt auf eine weitere Frau, die ähnliches durchgemacht hat, die nicht drüber spricht, Depressionen hat, Tabletten nimmt und an Wahnvorstellungen leidet.

Katharina Lorenz spielt diese Frau eindringlich, mitreißend, ihre bleierne Maske, der Wahnsinn, der sich dahinter verbirgt. Auf der Polizeistation wird sie verhöhnt und für verrückt abgetan. Ein durch und durch zynisches Vorgehen. Gerichtsmediziner Boerne reißt weiterhin Witzchen, Staatsanwältin Klemm will möglichst schnell den Fall lösen, um bloß unliebsamen Nachfragen und Spekulationen von der Journaille zu vermeiden. Abgezockt. Fall lösen zack zack, und Deckel drauf. Ja, es mag sein, dass im Polizeialltag diese Abstumpfung stattfindet gegenüber Menschen, die von Verfolgungsängsten geplagt sind und bei denen man nicht sofort weiß, ob sie es tatsächlich erlebt haben oder ob es sich um Wahnvorstellungen hält. Ja, es ist ein Drehbuch, auch kein schlechtes. Aber wie mag es Frauen gehen, die selbst einmal in solch einer Lage waren und sich dann Zitate anhören müssen wie "der Fall muss gelöst werden"?

Schade. Der "Skandal-Tatort" hätte auch gut bei einem anderen Team angesiedelt werden sollen. Denn wie sollen Boerne und Thiel nach solch einem Fall ihren leichten Witz wieder finden? Ist die Krimi-Comedy damit am Ende? Ein eigenes Genre im "Tatort" zu etablieren, ist eine super Sache. Aber dann bitte konsequent und nicht mit einem Ausflug ins ernsthafte Genre, der einen Bruch besiegelt, nach dem man schwerlich wieder zurückkehren kann.