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Mehmet Kurtulus: "Revolution des alten Schiffs 'Tatort'"

Der neue Hamburger "Tatort"-Kommissar ist nicht nur der erste Türke in dieser Rolle, sondern auch der erste, der als verdeckter Ermittler arbeitet. Im stern.de-Interview erzählt Mehmet Kurtulus über radikale Neuanfänge, über seine Abneigung gegen Tatü-Tata-Krimis und Botschafterrollen.

Herr Kurtulus, wie viele Ideen von Ihnen sind in diesen "Tatort" und in die Figur des neuen Kommissars eingeflossen?

Sehr viel. Der NDR, also die Redakteure und die Produzenten, haben mir im April 2007 gesagt: 'Wir möchten, dass du von Anfang an dabei bist.' Das war ein bombastisches Angebot. Anstatt zu sagen, du bist der neue "Tatort"-Kommissar und in neun Monaten schicken wir dir mal ein Buch - ob es dir gefällt, interessiert uns eigentlich auch nicht, du machst das so, haben wir zusammen entwickelt. Beim ersten Treffen habe ich gesagt, ich möchte keinen Tatü-Tata-"Tatort". Ich hatte nichts zu verlieren, die hätten mich auch gleich rauswerfen können. Sie fragten: 'Was meinst du damit?'

Und - was meinten Sie damit?

Ich gucke kaum Fernsehen, aber man hat diese klassischen Bilder im Kopf: Kommissar bekommt Anruf, fährt dahin und dann geht's los. Wir waren uns schnell einig, dass wir diese Bilder gegen andere Bilder austauschen wollen, da kamen Visionen zusammen.

Wie genau ist der Arbeitsprozess abgelaufen?

Alle treffen sich in Hamburg, setzten sich an einen Tisch, quatschen. Jeder schreibt was, dann telefonieren, wieder telefonieren, wieder zusammen kommen. Sich in die Augen schauen, mit Autoren arbeiten, die man erstmal auf den Geschmack bringen muss, was man will.

Wer ist auf den verdeckten Ermittler gekommen?

Die Redakteure Doris Heinze und Eric Friedler sagten, sie wollten so etwas gerne machen. Ich habe auch Ideen geliefert. Ich habe noch nie die Chance gehabt, so intensiv an einem Buch mitzuarbeiten, das fand ich wirklich abgefahren. Auch andere Leute in meinem Umkreis waren erstaunt. Normalerweise ist man Arbeitnehmer im klassischen Sinne, wird engagiert, bekommt gesagt: 'Hier ist dein Kostüm, mach.' Und hier könnte ich auch eine Verantwortung übernehmen. Wow, dachte ich, wenn das Ding schief geht, werden die Leute dich nicht nur scheiße finden für das, was du gespielt hast, sondern auch für den Mist, den du dir einfallen lassen hast.

Man merkt dem Drehbuch auf jeden Fall an, dass es keine Floskeln gibt.

Ich habe im April 2007 ein Exklusiv-Interview gegeben und angekündigt, dass wir den "Tatort" künstlerisch, ästhetisch und politisch weiterentwickeln. Natürlich gibt es Sehgewohnheiten, mein Bac, dein Bac, unser Bac ist für alle da ...

... vor allem am Sonntagabend. Die Zuschauer sind auch kein Kinopublikum.

Wir wollten schon im Rahmen des "Tatorts" bleiben. Aber wir machen einen "Tatort", bei dem wir nicht mehr zum Tatort müssen, sondern wir sind immer am Tatort. Das ist das Neue, mit dem wir das alte Schiff revolutionieren. Es ist natürlich ein Risiko. Ich weiß auch nicht, ob es den Leuten gefällt. Aber dass wir es kompromisslos umgesetzt haben, darüber bin ich superglücklich.

Wie würden Sie die Figur des Cenk Batu beschreiben?

Schon auf der Polizeischule wurde er als das Chamäleon bezeichnet. Im Laufe seiner Polizeilaufbahn ist er in diese Verdeckter-Ermittler-Geschichte reingerutscht. Cenk Batu ist jemand, der ständig in Gefahr ist. Solange er an einem Fall arbeitet und sich in einer Tarnwohnung befindet, ist er 24 Stunden im Dienst. Nur wenn er die Tür schließt und die Jalousien runterlässt, gehört er sich selbst. Sobald er aus der Tür tritt, ist er im Dienst. Er hatte eine Bomberjacke an wie ein Kickboxer. Eine gewisse Intelligenz muss man für diesen Job mitbringen, eine gewisse Empathie, eine schnelle Auffassungsgabe und eine Sensibilität für Situationen, Konzentration für Details, weil direkt Entscheidungen vor Ort getroffen werden. Ich habe gesehen, dass Sie keinen Ring tragen. Das sagt mir etwas über Sie. Das war jetzt Cenk Batu. Verstehen Sie?

In etwa.

Kleine Details, die ihm gleich sagen, worum es geht. Auf irgendwelchen Klos, in der öffentlichen Schwimmhalle oder an Hafenpiers kann er mit seinem Chef Rücksprachen halten, sonst nirgends. Die Polizeiarbeit findet eigentlich nur im Kopf statt. Das ist sehr abgefahren. Wie muss man gestrickt sein, das über längere Zeit zu machen? Das wird sich entwickeln.

Sie sind ja nicht nur der erste verdeckte Ermittler beim "Tatort", sondern auch der erste deutsche Türke an diesem prominenten Fernsehplatz.

. Der NDR sagt, er würde einen Beitrag zur Integration leisten. Da muss der NDR sagen, was er dabei für Gedanken hat.

Aber Sie sind doch der Botschafter.

Ich bin Schauspieler. Ich denke, es gibt Leute in diesem Land, die da viel besser Auskunft geben können. Cem Özdemir zum Beispiel.

Sie könnten doch ein Vorbild werden für viele junge Türken in dieser Republik.

Ich hatte auch Vorbilder. Menschen, über die ich gelesen habe, beruflich Robert de Niro und die Art und Weise, wie er seinen Beruf umsetzt. Oder Sir Peter Ustinov, von dessen Lebensphilosophie ich sehr beeindruckt bin. Das sind Leute, die mich geprägt haben - genau wie mein Lehrer, meine Eltern. Wenn ich anderen Leute so was geben würde, wäre das schön.

Wenn Anfragen kommen würden, von Schulklassen, wie würden Sie reagieren?

Im kleinen Kreis kann ich das verantworten. Im großen Kreis auf Bundesebene muss ich mich auf meinem Beruf berufen, ich bin Schauspieler. Ich kann mich nicht im Fernsehen in solche Diskussionsrunden setzen. Sie merken, es ist zwar mein Thema, aber es gehört nicht hierhin. Das höchste Maß an Integration ist für mich Normalität. Und das passiert durch meine Filme, meine Rollen.

Sieht man Sie im deutschen Fernsehen jetzt nur noch als "Tatort"-Kommissar?

Ja. Es gibt einen Exklusiv-Vertrag zwischen dem NDR und mir, dass ich im deutschen Fernsehen nur im "Tatort" stattfinde. Ich komme ja aus dem Kino, ich bin auch demnächst im Kino zu sehen, habe gerade eine internationale Produktion abgedreht. Was ich gerne möchte, ist eine Synergie: Die Leute, die mich aus dem Kino kennen, und das sind mehr Leute als die, die mich aus dem Fernsehen kennen, sollen mich im Fernsehen sehen. Und die "Tatort"-Zuschauer, diese Hammerzahl von etlichen Millionen, sind herzlich eingeladen, sich auch mal einen Kinofilm reinzuziehen. Das ist das Ziel.

Interview: Kathrin Buchner