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"Tatort"-Kritik: Bibis aussichtsloser Kampf

Für die Kommissare gibt es in diesem "Tatort" nichts zu gewinnen. Aber es ist ein starker Fall für Bibi Fellner, die uns eine Realität mitleiden lässt, die wir lieber nicht zur Kenntnis nehmen wollen.

Von Dieter Hoß

Tatort aus Wien

Zuhälter Aziz hat "Tatort"-Kommissarin Bibi Fellner im Würgegriff. Zum Schluss ist Aziz tot, doch niemand hat gewonnen.

Am Ende dieses "Tatorts" bleibt man ratlos zurück. Gab es einen Moment, in dem sich die Geschichte zum Guten hätte wenden können? War da ein Ausweg, der übersehen wurde? Wenigstens eine Hintertür? Ein Hoffnungsschimmer?

Das Verbrechen, mit dem diese in der bulgarischen Community Wiens angesiedelte Geschichte ihren Lauf nimmt, ist so verstörend, dass es die üblichen Koordinaten verschiebt. Ein kleiner Junge kommt angeradelt und beschießt eine Frau in ihrer Zigarettenpause aus seiner Wasser-Pumpgun. Und während man noch denkt, wie skrupellos der Kleine doch - wenn auch nur aus einer Attrappe - auf einen Menschen schießt, fängt die Frau plötzlich Feuer. Statt Wasser hatte der Junge Benzin versprüht, die Zigarette wirkt als Anzünder, die Frau stirbt später an ihren schweren Verbrennungen. Ivo (Abdul Kadir Tuncel), so der Name des Jungen, radelt scheinbar ungerührt davon. Was ist das für eine Welt, in der Zwölfjährige auf perfide Weise morden? Ist das wirklich die Welt, in der wir leben?

Alle allgemein gültigen Regeln sind außer Kraft gesetzt

Es ist die Ermittlerin Bibi Fellner, von Adele Neuhauser stark gespielt, die uns - vom Chefinspektor (Harald Krassnitzer) diesmal nur unterstützt - an die Hand nimmt und in ein Milieu führt, aus dem es allem Anschein nach kein Entrinnen gibt. Alle allgemein gültigen Regeln sind außer Kraft gesetzt; übrigens auch die des klassischen Kriminalfalls. Nicht einmal der brutale Zuhälter Ilhan Aziz (Murathan Muslu), den einst die Aussage des Mordopfers ins Gefängnis brachte, macht ein Hehl daraus, dass er der Verantwortliche für alle Verbrechen in diesem Fall ist - natürlich ohne es direkt zuzugeben. Nur vordergründig geht es darum, dem Täter seine Verbrechen zu beweisen und ihn dingfest zu machen. Vielmehr geht es um den (freilich zum Scheitern verurteilten) Versuch, das mafiöse Geflecht aufzubrechen, in dem Ivo, dessen Mutter - eine Prostituierte -, Aziz mit seinen Helfershelfern und auch das Mordopfer gefangen sind oder waren. Was kann man tun? Man muss doch etwas tun!

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Die "Tatort"-Kommissarin scheitert

Natürlich wurde dies so oder ähnlich schon häufiger thematisiert. Doch da Bibi als frühere Mentorin der Verbrannten von Anfang an tief in das Geschehen verstrickt ist, erhält man eine innere Perspektive, die einen die Ausweglosigkeit der Situation regelrecht mitfühlen lässt. Ob bloße Entschlossenheit, kühle Professionalität oder verzweifelter Aktionismus - die Kommissarin scheitert ein ums andere Mal. Da sie selbst eine schwierige Kindheit aufzuarbeiten hat (Therapie-Szenen und Traumsequenzen sind allerdings leider völlig daneben), will sie wenigstens den kleinen Ivo, der von Aziz für den Mord an der Frau als Werkzeug missbraucht worden war, "da rausholen". Doch dieser Versuch kostet die Kommissarin nicht nur fast das Leben, sondern er macht Ivo auch noch zum Vatermörder. Wohl ohne zu wissen, dass er von Aziz bei einer Vergewaltigung gezeugt wurde, erschießt der Junge den Zuhälter, ehe dieser Bibi in die Tiefe stürzen kann.

So bleiben am Ende von Bibi Fellners aussichtslosem Kampf ein Junge, der seinen Vater getötet hat und zudem von seiner Mutter als Vergewaltigungskind verstoßen wurde; eine Kommissarin, deren Kindheitstrauma (vorerst) unbewältigt bleibt, und mafiöse Strukturen, die von all dem unbeeinflusst bleiben. Denn natürlich hat sofort ein anderer Aziz' ehemaliges Tischmädchenlokal übernommen; längst gehen neue junge Frauen ihrem schlimmen Schicksal entgegen. Ein guter, ein dichter "Tatort" aus Wien. Doch man ist erleichtert, dass der Abspann den Ausweg aus dieser Welt weist.

Die "Tatort"-Folge "Angezählt" läuft als Wiederholung. Sie wurde erstmals am 15. September 2013 ausgestrahlt.