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"Tatort"-Kritik: Das dicke Ende kommt nach dem Schluss

Spannende, schnelle erste Sekunden. Sehr überraschende, ungewöhnliche letzte Minuten. Und dazwischen: eine solide "Tatort"-Geschichte aus Wien, die sich vor allem wegen der Figur der Ermittlerin Bibi Fellner lohnte.

Von Ulrike Klode

Mit einer nackten Leiche in einem Einkaufswagen hoch über den Dächern Wiens fängt die "Tatort"-Folge "Ausgelöscht" an. Der tote Mann hat eine Schusswunde am Knie, eine Schnittwunde am Finger - und eine Kugel im Kopf. Schnell ist klar, dass es sich um organisiertes Verbrechen handelt und der Fall bis nach Bulgarien reicht. Von nun an wird eine Geschichte erzählt, wie man sie in der Machart von vielen Krimis kennt: Das eigentliche Team, Chefinspektor Moritz Eisner und seine Assistentin Bibi Fellner, bekommt Unterstützung aus Bulgarien in Form von Donka Galabova (Dessislava Urumova) und gemeinsam wird der Fall aufgeklärt. Das ist zwar durchaus spannend erzählt, doch die Kriminalgeschichte allein reicht nicht aus, den Umschaltimpuls des Zuschauers auszuschalten. Wenn da nicht Bibi Fellner wäre …

Es ist die Figur der Assistentin Bibi Fellner, die in dieser Phase den "Tatort" sehenswert macht. Wie schon bei ihrem ersten Auftritt in "Vergeltung" schafft Adele Neuhauser auch diesmal den schmalen Grat zwischen Überzogenheit und Authentizität. Das ist bei diesem Charakter nicht leicht: Die ehemalige Sittenpolizistin ist Alkoholikerin, pflegt eine enge Beziehung zur gerade aus dem Knast entlassenen Unterwelt-Größe Inkasso-Heinzi. Chefinspektor Moritz Eisner ist alles andere als glücklich, dass er sie als Assistentin an die Seite gestellt bekommen hat.

Neuhauser überzeugt als Assistentin Bibi Fellner

Doch Adele Neuhauser nimmt man diese gestandene Frau, die einiges erlebt hat, ab. Ihre Bibi ist herzlich und rau, chaotisch und fürsorglich, wütend und ängstlich. Keine Frau, die man auf Anhieb sympathisch findet. Aber eine Frau, die sich im Laufe der Geschichte so nach und nach den Weg ins Herz der Zuschauer erkämpft. Und von der man gerne mehr sehen möchte.

Den Machern (Drehbuch: Uli Brée, Regie: Harald Sicheritz) ist hier der Balanceakt gelungen, an dem manche "Tatort"-Folgen scheitern: Die persönlichen Geschichten der Ermittler sind en passant eingeflochten. Wohldosiert erfährt der Zuschauer mehr über Bibi und ihre Schwierigkeiten, ohne Alkohol in ihrer neuen Umgebung klarzukommen; über Eisner und seine Probleme, Diät zu halten. Doch nie tritt die Kriminalgeschichte dafür in den Hintergrund.

Das überraschende Ende nach dem Ende

Und ganz zum Schluss, wenn eigentlich alles schon vorbei ist - der große Showdown, in dem einer der Täter durch einen Schuss der bulgarischen Ermittlerin stirbt; der Abschied von ebendieser Bulgarin; das obligatorische freundschaftliche Abschlussgeplänkel zwischen dem Ermittler-Duo - kommt die Wendung, mit der der Zuschauer absolut nicht rechnet. Der Fall ist nämlich längst nicht aufgeklärt, und die Deppen der Geschichte sind Eisner und Bibi.

Gerade als sich die beiden - gut gelaunt, weil sie den Fall gelöst haben - zum Essen verabreden wollen, kommt eine junge Frau mit Koffer ins Büro. Sie stellt sich als Donka Galabova vor, von der bulgarischen Polizei gesandt, um die Wiener Kollegen zu unterstützen. Während Bibi noch verwundert fragt: "Und wer war dann die andere?", erfährt der Zuschauer durch geschickte Zwischenschnitte schon mehr: Die vermeintliche Donka fährt im Taxi nicht etwa zum Flughafen, sondern zu einem Luxushotel, wo sie aus ihrer Verkleidung schlüpft. Glücklicherweise verstricken sich die Macher nicht in langatmigen Erklärungen, wie die falsche Donka die Wiener Ermittler an der Nase herumgeführt hat, sondern setzen die Puzzleteile schnell zusammen. Und am Ende triumphiert - für einen "Tatort" höchst ungewöhnlich - die Mafia. Was bleibt: Die Erkenntnis, dass dieser Krimi viel besser ist, als man zwischendurch dachte. Und dass es sich durchaus lohnt, auch beim nächsten ORF-"Tatort" wieder einzuschalten.