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TV-Kritik zum "Tatort": Ein morbides Gesamtkunstwerk

Der zweite "Tatort" mit Ulrich Tukur in der Rolle des schöngeistigen LKA-Ermittlers gruselt mit jeder Szene ein wenig mehr. Mit deutschem Krimihandwerk hat das wenig zu tun, aber mit viel Liebe für Musik, Bilder und die perfekte Rollenbesetzung.

Von Ina Linden

Von weit her singt eine Frauenstimme den italienischen Schlager "Dimmi quando". Nicht schmissig, sondern langsam und traurig. LKA-Ermittler Felix Murot folgt der Stimme eine steile Kellertreppe herab, es wird immer dunkler, bald tastet er sich nur noch vorwärts, aus Betonwänden werden weiche Felsformationen, der Gesang wird lauter, da rutscht Murot ab und fällt: in einen riesigen runden Swimmingpool.

Solche Bilder machen den Tatort "Das Dorf" mit Ulrich Tukur in der Hauptrolle zu einem Erlebnis. Regisseur Justus von Dohnányi hat mit geradezu streberhafter Detailversessenheit eine Dorfkulisse geschaffen, wie man sie garantiert nirgendwo so findet: Die Grotte mit Swimmingpool zum Beispiel unter der Villa, die das Mordopfer zusammen mit anderen erben sollte. Die Dorfkneipe mit dem einsamen Geweih an der Wand und den dunklen Butzenscheiben, die leergefegten Straßen, die so sauber und düster wirken, als würde sich niemand der Bewohner auf die Straße trauen. Nur eine schwarze Mercedeslimousine schiebt sich gemächlich an ihr Ziel.

Tukur brilliert in der Rolle

Felix Murot kämpft- wie schon im Jubiläumstatort "Wie einst Lilly" - mit einem irreparablen Gehirntumor. Als ihn sein ehemaliger Kollege Karsten zur Hilfe ruft, setzt er sich ins Auto und fährt in den kleinen Ort Dornstein im Hintertaunus. Der Fall scheint schnell geklärt zu sein. Der Bäcker wurde erschlagen, der Täter hat Selbstmord begangen. Doch als Murot auf dem Rückfahrt nach Wiesbaden sein Tumor quält, muss er anhalten und sieht- inmitten von Sand und zerklüfteter Felsen- den "Selbstmörder" schreiend herumlaufen. Hat ihm sein Tumor einen Streich gespielt? Murot kehrt zurück und begibt sich auf die gefährliche Suche nach der Wahrheit. Schon bald fällt der Verdacht auf den Schlossbesitzer Bemering (Thomas Thieme), der mit einer Mischung aus Hilfsbereitschaft und intellektueller Überlegenheit das Dorf fest im Griff hat.

Gut, die Tätersuche hat sich schnell erledigt, dafür sind die Figuren umso amüsanter. Tukur brilliert in der Rolle des überkandidelten Schwerstkranken. Er ist autoritär, dickköpfig und zögert keine Sekunde, sich in die Höhle des Dorflöwen Bemering oder in die Praxis der wahnsinnigen Ärztin Dr. Herkenrath (Claudia Michelsen) zu begeben, die ihm - ohne sich um eine Diagnose zu scheren - erstmal eine Spritze verpasst. Ein wenig Wärme liefern nur die Gespräche mit seiner Assistentin Wächter (Barbara Philipp), die ihm zum Geburtstag eine Jacke strickt. Mit ihr liefert er sich Wortduelle wie: "Ich bin immer wieder erstaunt über ihre vielseitigen Fähigkeiten." "Es erstaunt mich, dass sie immer wieder erstaunen." „Da staunen Sie, nicht?“ Tukur gibt den Schöngeist so authentisch, dass diese Dialoge Spaß machen . Er gibt ihnen Tiefe, wo sie genauso gut hohl wirken könnten.

Kein gewöhnlicher Tatort

Ebenso eindrucksvoll lässt sich der überhebliche Dorfpatriarch Bemering von Murot langsam aus der Ruhe bringen: Zuerst lädt er den Fremden wie einen Bruder im Geiste in die minimalistische Pracht seines Schlosses ein, wird dann allmählich cholerisch und entpuppt sich als menschenverachtender Organhändler. Auch Claudia Michelsen gelingt als Dorfärztin der Spagat zwischen verliebter Frau und sadistischer Mordgehilfin. Sie präsentiert ihren Wahnsinn, als sie über Murots Krankheit fabuliert: "Er ist so schön geformt. So wohlplatziert. Sie können sehr stolz sein auf ihren Tumor."

Auch die Wahnszenen sind ein Genuss: Wenn Murot und Dr. Herkenrath auf einem schwarz-weiß gestreiften Parkett das Tanzbein schwingen, über ihnen der Sternenhimmel, erinnert das an großes amerikanisches Kino wie "Pulp Fiction" oder "The Big Lebowski". Den Höhepunkt bildet allerdings die Tanzszene der Zwillinge Alice und Ellen Kessler: Die beiden stellen Bemerings nervöse Mutter dar, die sich zu Murots Klavierspiel verdoppelt und "Dimmi quando" singt – das Lied, das den Kommissar schon in die blaue Grotte gelockt hat.

Dieser Krimi zeigt mit jeder Pore, das er kein gewöhnlicher "Tatort" ist: In "Das Dorf" mischen sich großartige Schauspieler und die Handschrift des eigenwilligen Neu-Regisseurs Dohnány zu einem morbiden Gesamtkunstwerk. Die Musik von Stefan Will unterstützt den Gruselfaktor. Ein einsamer Kontrabass mischt sich langsam mit rhyhthmischen Geigen. Ein Klavier wirft immer wieder in kleinen verstörenden Motiven Fragen auf. Da verzeiht man dem „Tatort“ auch die allesamt motzigen Dorfbewohner und die zu vorhersehbare Handlung. Bitte, bitte, mehr davon.